[Buch] Goldfisch

 

[Buch] Goldfisch

In meiner Heimatstadt habe ich mich früher gerne ans Museum beim Bahnhof gesetzt und die Menschen beobachtet. Während sie so ihres Weges gingen, habe ich mich gefragt, wo genau sie wohl hingehen würden und was sie eigentlich für ein Leben führen. Ich bin der Frage nie nachgegangen und sie hat sich im Laufe der Zeit verloren…

Und dann kommt der Autor Bradley Somer daher und knüpft mit seinem Roman Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel genau dort an. Das Buch liest sich erfrischend unterhaltsam und leicht; dabei ist es nicht zu kitschig, sondern eher so, dass ich mir mehr gewünscht hätte und es schade fand, als ich die letzten Seiten umschlug und die Geschichte zu Ende war.

 

Der Goldfisch Ian springt mit einem beherzten Flossenschlag über den Rand seines Glases, welches auf dem Balkon steht. Langeweile ist was für Schnecken – Goldfische sind Abenteurer! Und während Ian sich nun im Fall befindet und sein Fischhirn mit der Geschwindigkeit kaum mitkommt, kann er durch die Fenster des Wohnblocks schauen und bekommt kleine, sekundenschnelle Momentaufnahmen aus dem Leben der anderen Bewohner zu sehen. Die Einblicke, die der Leser bekommt, sind etwas länger und intensiver.

Der Leser begleitet einige der Bewohner des Seville on Roxy – so der Name des Hochhauses – für einen Augenblick. Gerade lange genug, um mehr oder weniger intensive Momente mitzubekommen. Aber dennoch kurz genug, um zu wissen, dass ihr Leben noch viel mehr beinhaltet. Es wird weitergehen, während der Leser längst wieder verschwunden ist.

Dabei hat jeder Bewohner dieses anonymen Wohnblocks seine eigene Geschichte, ohne zu wissen, was sie eigentlich – und vor allem wie viel – sie miteinander verbindet, dass sie ein Teil des Ganzen sind. Manche begegnen sich, lernen sich kennen, andere bekommen nichts davon mit und verflechten sich wiederum mit der Geschichte des Dritten .

Das ist wie ein Mosaik: während Ian  – der mit seinem Fall die Erdanziehungskraft bestätigt – den Rahmen vorgibt, entstehen innerhalb des Rahmens viele kleine Bilder aus Teilausschnitten. Sie berühren und verweben sich, bis sie selbst ein Bild ergeben. Das Gesamtwerk ließe sich gut im Foyer des Seville on Roxy aufhängen. 

Kein einziger Mensch lebt sein Leben allein; wir alle leben unsere Leben gemeinsam.

 

Bradley Somer

Manchmal könnte der Eindruck entstehen, dass es ein wenig zuviel an Drama des Einzelnen ist. Ich für meinen Teil fand die Geschichte – genau so wie sie ist – gut.

  • Die unter Agora- und Mysophobie leidende Claire, welche ihren Job bei der Sexhotline verlor, wieder auf „Schweinchen“ trifft und allen Umständen zum Trotz ihre Quiche fertig macht.
  • Die schwangere Petunia, die jetzt irgendwie zusehen muss, dass sie ihr Kind gebährt und dabei wollte sie doch eigentlich gerne ein Sandwich-Eis essen.
  • Der Junge Hermann, der ständig aus Zeit und Raum fällt und dazu seine eigene Theorie entwickelt, bevor er sich mitten in einer Situation wiederfindet, aus der er jetzt nicht verschwinden darf.
  • Jimenez, der im Hintergrund das Gebäude am Laufen hält, gerade noch einen selbst verursachten Fahrstuhlbrand stoppen kann und auf einen Mann in einem wunderschönen kaminroten Kleid trifft.
  • Gath, der all seinen Mut zusammen nimmt und bei dem sich das Glück wie ein Schluck heisse Schokolade im Bauch ausbreitet.
  • Katie, die eine wichtige Mission ansteuert, während Conner zu spät bemerkt, dass es Liebe ist.
  • Nicht zu vergessen: die verruchte Verführerin Faye, die noch schnell ihren String aus der Luft greifen kann, ehe sie ein Leben rettet.
  • Und immer wieder mittendrin: unser Ian, der sich wiederholend die Frage stellt, was er eigentlich gerade gemacht hat.

 

Mir hat es viel Spaß gemacht, diesen Roman zu lesen und ich fand es durchaus gelungen, wie der Autor den Perspektivenwechsel eingebaut hat, um jedem Bewohner sein eigenes Fenster zu geben und trotzdem zu einem Ganzen werden zu lassen. Kurzweilig und gut!

 

Bradley Somer wurde ich Australien geboren, wuchs in Kanada auf und lebt derzeit in Calgery. Er studierte Anthropologie und Archäologie. Er schrieb diverse Kurzgeschichten und sein Debütroman „Imperfections“ wurde mit dem kanadischen CBC Book Award ausgezeichnet.

 

Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel von Bradley Somer, erschienen 2015 im DuMont Buchverlag, 320 Seiten, ISBN: 978-3-8321-9783-4

[Buch] Das Handwerk des Teufels

 

[Buch] Das Handwerk des Teufels von D. R. Pollock

Es ist schon wieder passiert…, beim Umblättern der letzten Seite dieses Buches dachte ich: „Hammer!“.

Ich habe wieder einen kleinen Abstecher nach Ohio (USA) gemacht, unter anderem auch nach Knockemstiff. Der Ort und der Autor Donald Ray Pollock mit seinen Worten, die Umgebung und Menschen dort zu beschreiben, haben es mir einfach angetan. Wenn ich jetzt schreibe, dass es fast so wie „nach Hause kommen“ war, dann ist das sicherlich in vielerlei Hinsicht übertrieben, aber auch dieser Roman konnte mich genauso begeistern wie damals „Knockemstiff“.

Da ist Arvin, der mit seinen Eltern auf einem Hof mitten im Nirgendwo lebt. Als seine Mutter erkrankt, entwickelt der Vater einen religiösen Wahn. Zwischen Tierkadavern und Menschenblut, beim Gestank von Verwesung und Leid, muss Arvin beten, bis ihm die Stimme versagt. Seine Mutter stirbt, sein Vater wählt den Freitod und fortan verbringt Arvin sein Leben als Waise bei seinen Großeltern.

Ebenso wie Lenora. Ihre Mutter wurde Opfer zweier religiöser Fanatiker. Einer davon war ihr Mann Roy. Der andere sein verkrüppelter Bruder Theodore im Rollstuhl. Sie zogen als Prediger durchs Land. Gehört wurden sie aufgrund ihrer „Showeinlagen“, mit denen sie ihren Glauben für alle sichtbar untermauern wollten. Bis sie in ein Tief gerieten. Um sich wieder auf die Predigerbühnen zu bringen, entwickelt Roy den ultimativen Plan als Beweis für „seinen guten Draht nach Oben“. Nach dem Mord an der Mutter, tauchen beide unter und Lenora bleibt bei Arvins Großeltern.

Dann sind da noch Sandy und Carl. Sie sind ein Serienkillerpaar und reisen rund um Ohio durch die Gegend. Sie suchen sich „Models“, welche sie für Carls kranke „Kunst“ benötigen.

Und last but not least gibt es noch den korrupten Sheriff Lee, der auf seine Weise für Recht und Ordnung sorgt.

Nun könnte man nach meinen Zeilen meinen, dieser Roman sei eine mit religiösem Wahn überfrachtete Killerstory. Darauf ein: Nein! Der Autor D. R. Pollock versteht sein Handwerk. Wie all diese Menschen in ein Buch passen, sich ihre Wege kreuzen oder gar zusammen gehören, zeigt Pollock mit seiner gekonnten Art zu schreiben und eine Storyline zu schaffen. Sein Ausdruck dabei ist hart, ungeschminkt. Er verschönt nichts, verzichtet auf Schnörkel. Aber gleichfalls bagatellisiert er auch nichts, vielmehr nimmt und beschreibt er es so, wie es kommt. Hinzu kommt, dass die Handlung Anfang der 60’er Jahre des letzten Jahrhunderts spielt und teilweise im Hinterland stattfindet. Das passt alles, bis zum letzten Punkt.

Donald Ray Pollock ist 1954 geboren und wuchs selbst in Ohio auf. Er brach die Highschool ab, arbeitete erst in der Fleischfabrik und anschließend über 30 Jahre in der Papiermühle. Erst Ende der 80’er Jahre holte er seinen Abschluss nach und schrieb sich an der Uni ein.

Das Handwerk des Teufels“ von D. R. Pollock, erschienen 2013 als Taschenbuchausgabe beim Wilhelm Heyne Verlag (Heyne | Hardcore), ISBN: 978-3-453-43692-3

[Buch] Das Handwerk des Teufels von D. R. Pollock

Besonders gefreut habe ich mich, Hank von Maudes Laden wieder getroffen zu haben. Sollte ich tatsächlich jemals nach Knockemstiff kommen, werde ich ihn persönlich besuchen. Vielleicht ist es dann ein Hank in der 2. oder 3. Generation, aber es wird sicher immer ein Hängengebliebener im Laden sein.

Und irgendwann werde ich vielleicht selbst mal ein Buch über die deutsche Großstadt in der wir leben schreiben – mit all ihren Menschen und Geschichten. Spätestens dann wird klar, warum ich Pollock und seine Art zu schreiben so treffend finde und dermaßen schätze! 😉

[Buch] Haus der Stummen

Großartig, es gibt sie doch noch: diese Bücher, die mich nach dem letzten Satz leicht verstört und dennoch irgendwie grinsend zurücklassen. Autoren, die über eine so morbide Sprachkunst verfügen, dass in mir Freude hochkommt, so als hätte ich etwas Verlorengeglaubtes wieder gefunden.

[Buch] Haus der Stummen von John Burnside

Mit seinem Debütroman „Haus der Stummen“, nimmt John Burnside seine Leser mit in die Welt eines Psychopathen. Er schubst sie direkt hinein und unweigerlich geraten sie in den Sog der Geschichte. Lukes Geschichte, welche er durchgängig in Ich-Form erzählt.

Luke, der ein etwas ungesundes Verhältnis zu seiner Mutter hat, lauscht als Kind ihren Geschichten. Insbesondere der des Großmonguls Akba. Dieser ließ das „Haus der Stummen“ – fern abseits der Zivilisation – errichten, in dem er Kinder ohne menschliche Ansprache aufwachsen lassen wollte. Ein Experiment, um herauszufinden, ob die Sprache dem Kind angeboren, ob sie ein Baustein des Menschseins ist oder vielmehr ein erworbenes Produkt der Kultur.

Luke, der völlig fasziniert von Sprache als Ordnungssystem der Welt ist, sie zudem als einen möglichen Zugang zur Seele und somit hier einen unmittelbaren Zusammenhang sieht, stößt auf weitere Experimente.

Für ihn wird diese Suche nach der Seele, Sprache und Ordnung zur Mission. Schon als Kind beschäftigte er sich mit Tierkadavern und führte später Vivisektionen durch. Da ihm die bisher gemachten, historischen Experimente nicht genau genug und richtig erscheinen, plant er schließlich selbst eines. Kaum fähig, wirkliche Gefühle zu entwickeln, geht er dabei merkwürdig anmutende Beziehungen zu Frauen ein, die er etwas unkonventionell kennenlernt. Eine Frau gebärt ihm Zwillinge, zu denen er aber auch nur einen rein „wissenschaftlichen Bezug“ aufbaut. Dass er darüber hinaus selbst zum Mörder wird, nimmt er billigend in Kauf. Sein Experiment an lebenden Menschen ist es, welches für ihn zählt, denn er ist besessen und möchte Antworten auf seine Fragen finden.

 

John Burnside hat einen so guten Erzählstrang geschaffen, dass ich zwei / drei Mal im Lesefluss innehalten und zurück blättern musste. Ich musste den Absatz noch einmal lesen, um wirklich sicher zu sein, dass er tatsächlich so da stand, wie ich ihn gelesen hatte. So fliessend sind die Übergänge, so fein der Sog. Der Autor schafft es, den Protagonisten ein paar Zeilen lang nahezu philosophisch mit all seinen Fragen dastehen zu lassen, um dann so unterschwellig und flüssig umzuschwenken, dass ein paar Zeilen später die Distanziertheit zu menschlichen Gefühlen und das Kalkül des Psychopathen allzu deutlich werden. Dabei helfen ihm sicherlich auch die langen Sätze, mit vielen Kommata und Semikolons. Ich finde sie großartig![*] So wie ich dieses Buch insgesamt bemerkenswert finde.

Die Geschichte ist wohlkonstruiert, wenngleich sich mir zwischendurch die Fragen aufwarfen, wovon der Protagonist eigentlich lebt und was „Karen“ für Drogen nimmt, dass es so funktioniert, wie es funktioniert… Aber gemessen an Burnsides gesamten Romanverlauf, sind meine Fragen sicherlich zu vernachlässigen.

John Burnside wurde 1955 in Schottland geboren. Die Originalausgabe von „Haus der Stummen“ erschien bereits 1997 unter dem Titel „The Dumb House“. Viel zu lange brauchte es, bis dieser Roman übersetzt wurde und hierzulande erschien. Derweilen veröffentlichte Burnside mehrere Bücher, ist bereits dafür ausgezeichnet worden und gibt Kurse für kreatives Schreiben an der Universität.

 

„Haus der Stummen“ von John Burnside, erschienen 2014 im A. Knaus Verlag, München / Verlagsgruppe Random House GmbH

ISBN: 978-3-8135-0612-9

[Buch] Haus der Stummen von John Burnside

Die Experimente, welche genannt wurden, fanden übrigens tatsächlich statt.

Schon seit Jahrhunderten beschäftigt sich die Menschheit mit den Fragen nach der Seele und der Sprachentwicklung. Es gab sowohl den Großmongul Akba, welcher einer Sage nach einen solchen Palast baute, als auch die Experimente des Pharao Psammetich I.. Dem Bericht Herodot zufolge, übergab er zwei Kinder an einen Ziegenhirten. Sie sollten zwischen den Ziegen aufwachsen, ohne menschliche Ansprache. Er wollte herausfinden, welche Sprache sie zuerst sprechen würden und somit die älteste Sprache auf Erden herausfinden. Auch Friedrich II. startete einen solchen Versuch der Isolation von Kindern, aber sie starben zu schnell. Wer mehr über diese Experimente nachlesen möchte, findet hier erste grobe Infos: Waisenkinderversuche

 

[*]Und ich musste ein wenig schmunzeln, denn es zeigt, dass auch solche Bücher in genau diesem Schreibstil hervorragend sein können. Ich selbst musste mir damals mehrfach anhören, dass meine Sätze zu lang seien, ich zu viele Satzzeichen verwende und sie deshalb schwer zu lesen seien. Ha…., hier haben wir jetzt den Beweis, dass es funktioniert. Das musste ich gerade mal eben loswerden. 😉

Und einen Kritikpunkt hab ich noch: Über Luke wird in diesem Roman mehrfach erwähnt und behauptet, dass Tiere keinen Verstand hätten und entsprechend nicht denken könnten. Dem ist nicht so! Genauso bin ich davon überzeugt, dass auch Tiere eine Seele haben. Womit wir mitten drin in einer Diskussion wären, in der sich Wissenschaftler und Philosophen schon seit geraumer Zeit befinden.

[Buch] Das achte Leben (für Brilka)

 

[Buch] Das achte Leben (für Brilka)

Es gibt diese und jene Bücher – und dann gibt es solche wie „Das achte Leben (für Brilka)“ von Nino Haratischwili, bei dem ich fast geneigt bin, eine Liebeserklärung zu schreiben.

Ich hatte mich zunächst anstecken lassen von der Euphorie anderer Leser, von deren Warten und der Vorfreude auf dieses Buch. Von den ersten Stimmen auf den diversen Bücherblogs, welche ich so gerne durchstöbere. Als ich dann selbst begann es zu lesen, wurde ich nicht enttäuscht, vielmehr hatte ich mich ebenso schnell und direkt in dieses Buch verliebt.

Bisher war es mir eigentlich nie so wirklich wichtig, wie ein Buch aussieht, wenn denn der Inhalt stimmt. So langsam wandelt es sich aber und ich merke schon, was ein ansprechendes Cover und ein ebensolcher Titel ausmachen. Hier ist alles stimmig: der Umschlag ist aufwendig und liebevoll gestaltet und es geht gar nicht anders, als selbst das Auspacken des Buches zu zelebrieren.

Es ist ein Mammutwerk und dieses nicht nur aufgrund der rund 1280 geschriebenen Seiten.

Dieses Buch erstreckt sich über das komplettes Jahrhundert, von 1900 bis 2007 und erzählt die Geschichte der georgischen Familie „Jaschi“. Beginnend mit der Geburt von Stasia, der Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, schreibt ihre Urenkelin Niza die gesamte Familienchronik – über sechs Generationen – für ihre Nichte Brilka nieder.

Der Leser trifft auf starke Frauen mit nochmehr Persönlichkeit, kleine und große Männer, Macht, viel Leid, auf Fanatiker und gebrochene Menschen, auf Höhen und Tiefen, auf Liebe, Hoffnung und Aufgabe – und auf die Geschichte Georgiens. Alles ist miteinander und ineinander verwoben und es ist tatsächlich so: alle Fäden zusammen ergeben einen Teppich. Ein Bild, welches die Autorin Nino Haratischwili direkt am Anfang beschreibt und sich entwickeln lässt.

Sie selbst ist 1983 in Georgien geboren und hat unglaublich gut die politische Geschichte recherchiert. Wer sich einmal an eine solche Recherche gesetzt hat, weiß, wie umfangreich und kräftezehrend sie sein kann. Und auch hier haben wir es mit einem kompletten Jahrhundert zu tun! Mit den immerwährenden Kriegen des Ostens: die Kämpfe und Revolutionen Georgiens, Russlands und der Sowjetunion.

Ich selbst bin – ehrlich zugegeben – eine absolute „Null“ in der „Geschichte des Ostens“. Sicherlich habe ich auch schon vor dem TV-Apparat gesessen und den Kopf geschüttelt über das, was in den Nachrichten zu sehen war. Dennoch: wirklich eingestiegen bin ich in dieses Thema nicht. Zu mächtig, umfangreich und verworren schien es mir. Aber Haratischwili hat es geschafft, sowohl die geschichtlichen als auch die fiktiven Aspekte so miteinander zu verknüpfen (wieder sind wir bei dem Teppich?!), dass ich mich mehr damit beschäftigt, nachgelesen habe und sicherlich auch „dran bleibe“.

Irgendwo hatte jemand Haratischwili einen etwas pathetischen Schreibstil angelastet. Die eine oder andere Seite ist wirklich so geschrieben, aber in dem Moment, in dem die Grenzen anfangen zu verschwimmen, wo man einerseits der beobachtende Leser der Geschichte ist, sich andererseits aber in die eine oder andere Person so sehr einfühlt, dass man „mitschwingt“, sie versteht, hebt es sich auf und ich selbst kann das leicht Pathetische nachvollziehen. Zumal die Autorin das richtige Maß getroffen hat, wusste, wann sie wieder „umschwenken“ musste.

Heute Nachmittag las ich eine Rezension, in der angesprochen wurde, dass Haratischwili doch mehr hätte auf das Empfinden, den Tatsachen und der Situation des Einzelnen in dem Moment des Kriegsgeschehens hätte eingehen sollen, statt ein oberflächlich anmutendes Abwenden zu beschreiben. Nein, sehe ich nicht so! Auch hier hat sie das richtige Maß gefunden. Zum einen reden wir hier immernoch von einem Roman und nicht von einem Geschichtsbuch im eigentlichen Sinne und zum anderen kann ich es so sehr nachvollziehen, wenn man das Geschehen um sich herum einfach nicht mehr aufnehmen und verarbeiten kann. Weil es zuviel ist, weil man müde ist und vielleicht, weil man sich manchmal hilflos fühlt. So wie ich mir das Recht herausnehme, manchmal eben nicht die Nachrichten zu schauen, weil ich es nicht mehr aushalten kann und will, die Katastrophen anzuhören und mich damit auseinderzusetzen. Da bin ich selbst „voll“ und ich lebe nicht in einem Krisengebiet. So kann ich es verstehen, dass sie sich manchmal vom Kriegsgeschehen abwenden und einfach nur froh sind, den Tag überlebt zu haben. Es geht hier um die Stimmung, nicht der minutiösen Beschreibung durch die Autorin.

Ach herrje, jetzt fange ich schon an, das Buch zu verteidigen! Dabei hat es doch auch soviel Lob bekommen, dass es das gar nicht nötig hat.

Aber es ist einfach so: viel zu schnell hatte ich es durchgelesen (hatte eigentlich damit gerechnet, dass wir noch Weihnachten zusammen verbringen würden?!) und ich werde sie vermissen:

Stasia, die fast das gesamte Jahrhundert überlebt hat; die schöne Christine, die sich mit einem mächtigen Mann einließ und somit ihr halbes Gesicht durch Säure verlor; Kitty, die nach London flüchten konnte und eine große Sängerin wurde; Fred, mit der sie das Bett teilte und welche es bis nach Wien geschafft hatte; Andro, der blond gelockte; Kostja, der alles zu geben meinte; Miqa, Elena, Niza, Antonio…, sie alle, die die Geschichte in diesem Buch gelebt haben. Nicht zu vergessen den Duft der heißen Schokolade, der sich durch das Buch zieht und welche nach einem streng geheimen Rezept hergestellt wird.

Nino Haratischwili

„Das achte Leben (für Brilka)“

2014 erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH

ISBN 978-3-627-00208-4

Kackmeile

 

Ein durchaus provokanter Titel oder? Aber was soll ich machen, wir nennen sie eben so, die Meile…

Während Marie heute mit Ditze joggen war, sind Spunk und ich losgezogen. Und Spunk, als waschechter Dortmunder Punk mit entsprechender Vergangenheit, hat früher einige Wege häufiger frequentiert. Und wenn ich ihr eine Freude machen will, dann gehe ich mit ihr zu ihrer „Kackmeile“:

Kackmeile

Dieser Streifen an der Mauer längs ist kaum mehr zu betreten. Oder vielmehr: man muss genau hingucken, wohin man tritt und im Sommer am besten eine Atemschutzmaske tragen, so ein Gestank kann einem da entgegen wehen. Viele Dortmunder mit ihren Vierbeinern nutzen diese Meile, damit sich die Hunde kurz und schmerzlos lösen können…, entsprechend der Name.

Für Spunk ist der Gang dorthin wie ausgiebiges Zeitungslesen. Sie mag es, sich dort ab und an „blicken zu lassen“, den Hundetratsch im Viertel zu erschnüffeln und selbst wichtige Noten und Nachrichten zu hinterlassen. Früher ist sie dort oft mit ihrem Vorbesitzer spazieren gegangen und sie freut sich, wenn ich mit ihr „alte Runden“ ablaufe. 

Hermine fand die Ecke übrigens zu ekelig und weigerte sich, diese Meile zu betreten. Marie war noch nicht dort…

Auf der anderen Seite sieht der Blick Richtung Mauer dann so aus:

Industrie

Ich mag diese „brachliegenden Industriekulturen“. D.h., ehrlich gesagt, weiss ich gar nicht, ob das brach liegt. Aber für mich haben diese Gelände immer ein besonderes Flair…

IndustrieII

Wenn ehemalige Indurstrie zerfällt und sich die Natur die Flächen zurück erobert, dann regt das für mich die Fantasie an.

Das Folgende war für mich allerdings „das Fundstück des Spazierganges“:

Muell

Habt Ihr es erkannt? Das angegessene Brötchen wurde brav auf der Biotonne abgelegt *schallend lach*! In der Nachbartonne für den „gelben Sack“, dieses:

Medikamente

Ich finde das schon fast zum Brüllen komisch, besonders mit den Worten „Eilig“, „Wichtig“ und „Vorsicht“. Ich hoffe, dass es sich hier wirklich nur um die Styroporbox handelt und die Medis da angekommen sind, wo sie hinsollten?! Ich habe darauf verzichtet, auch noch in den Behälter rein zu schauen…

Yooo nü…:

MuellvorMuell

Wenn der Müll es nicht zulässt, dass die Mülltonnen auf´s Grundstück geschoben werden können, dann muss der Müll eben vor dem Müll stehen. 

Da ist man ja mal ganz pragmatisch unterwegs, hier in Dortmund. 😉

Diese idyllische Ecke ist auch ganz in der Nähe. Auch in diesem Haus hat es vor ein paar Jahren mal „plötzlich“ gebrannt. Irgendein Vollpfosten hatte eine brennende Kippe in eine leerstehende, derweilen völligst zugemüllte Wohnung geschnippt. Da kokelte es… Und seit dem sind einfach Bretter vor die Fenster im Erdgeschoss genagelt worden. So sieht niemand mehr das Elend und da Renovieren überbewertet wird, verwette ich mein Taschentuch darauf, dass in diesem Haus auch nichts mehr gemacht wurde. Teile des Hauses waren und sind auch noch heute bewohnt…

Ich sach ja: schöner Wohnen in Dortmund! 

Weg…

 

Zwei Tage nach meinem letzten Eintrag ging ich wieder am Haus vorbei…. und:

wegDer Müll ist weg! 

Gestern war ich wirklich erstaunt, als ich dort wieder vorbei kam. Zufall? Ich denke es….

Vielleicht hat mich aber auch jemand mit meinem Handy, bzw. beim Fotografieren beobachtet und gedacht, dass es Ärger mit dem OA geben könnte, wenn er jetzt nicht mal eingreift? Auch beim erneuten Bildmachen wurde ich gesehen und kurzfristig argwöhnisch angeguckt. Ich werde es merken, ob ich künftig freundlich gegrüßt, ignoriert oder angefeindet werde. Oder überhaupt nix passiert (wovon ich ausgehe). 😉

Wenn ich jetzt das ganze Haus abbilde, ob sie es auch wieder herstellen? Lasst es uns versuchen:

Haus ganzrechts*lach*

Dabei wollte ich eigentlich zum Nachbarhaus. Dieses steht nämlich auch seit Jahren leer. Ich denke mal, dass es das gleiche Schicksal hatte wie das Oben. Jahrelang klemmte dort eine leere CD-Hülle unter der Jalousie. Scheinbar hat auch sie irgendwann aufegegeben und ist unter dem Druck zusammen gebrochen. Jedenfalls war auch sie gestern nicht mehr zu sehen. 

Aber hier im Eck finde ich noch soviele Motive für mein „Schöner Wohnen in Dortmund“, dass ich mir da keine Gedanken machen muss. 😉

Schöner Wohnen in Dortmund

 

Aus dem Bereich „Schöner Wohnen in Dortmund“ präsentiere ich Euch heute einen liebevoll gestalteten Vorgarten:

SchoenerWohnen

Eine Idylle vom Feinsten!

Kreative Köpfe und handwerklich begabte Menschen könnten hieraus eine ganze Wohnungseinrichtung wieder herstellen.

Bis vor kurzem befand sich hinter dem neu hinzugefügten Sessel ein Sofa. Einzelteile davon erkannt man in den Schaumstoffresten, die sich jetzt wiederum vor und neben dem Sessel befinden.

Dieser Vorgarten gehört zu einem schon seit Jahren leerstehenden Haus. Auch wenn ich jetzt mit einer Klage wegen Rufmord oder was auch immer rechnen muss, so würde ich hier mal spekulieren, dass auch dieses Haus einem Versicherungsbetrug zum Opfer gefallen ist.

Eine Zeit lang war es hier in dieser Ecke nämlich modern unter den Hausbesitzern, die kurz vor der Pleite standen, ihre Häuser anzuzünden. Oder anzünden zu lassen. So konnten sie sich des Hauses entledigen, bzw. mit dem so erworbenen Versicherungsgeld neu wirtschaften. 

An diesem Haus gehen wir häufiger vorbei. Genauso an anderen schönen und idyllischen Ecken… 

Wenn ich eine Reportage im TV über Dortmund sehe, dann frage ich mich immer, ob sie von der gleichen deutschen Großstadt berichten, wie die, in der ich lebe? Klar, hängt immer von der Betrachtungsweise ab… Aber ich fühle mich nicht schlechter, wenn ich solche Bilder mache. Im Gegenteil: ich hatte ja sogar mal überlegt, ob ich nicht eine Art „Katastrophentourismus“ anbieten sollte?! Geschichten und örtliche Gegebenheiten hätte ich zur Genüge anzubieten… 😉

 

14. Tag… und wir sagen „Servus“

Es ist soweit und dieses wird der letzte Eintrag unseres Urlaubs sein. Leider müssen wir uns von Tussenhausen / Zaisertshofen verabschieden…:(

Tussenhausen-8686.JPG

Die Zeit verging viel, viel zu schnell – kaum zu glauben: wo sind die letzten 14 Tage geblieben?!

Den heutigen Tag haben wir nochmal richtig genutzt: am Morgen ging es zum Frühstücken (wir waren eingeladen ;)) und anschließend haben wir in Buchloe noch eine nette Runde durch die Felder gedreht. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wie lange wir dort unterwegs waren? Ist auch egal, denn es war definitiv zu kurz! 😉

Übrigens hat Zwergnase beide Autotouren göbelfrei überstanden – es wird, es wird! *Yeahr!*

Als wir wieder zurück waren, mussten wir schon die ersten Sachen einpacken, denn morgen in aller Herrgottsfrüh soll es losgehen… und wir werden heimfahren.

Unsere Abschiedsrunde drehten wir in der Dämmerung. Die Runde, die wir meistens morgens gelaufen sind. Als wir zurück waren, war es auch schon dunkel. Spunk hat übrigens dann doch endlich nochmal die Fährte eines Fuchses aufgenommen und lief wütend bellend über´s Feld! So klasse!

Zaisertshofen und Umzu ist eines der besten Hunde-Spazier-Wander-Und-Überhaupt-Gebiete, die ich bisher kennengelernt habe. Ich hab selten so wenig Menschen getroffen und soviel GÜLLE gerochen und gesehen! ;)))

Meine Hunde konnten rennen, rennen, rennen und rennen, nach Mäuschen buddeln, sich in Shice drehen und einfach Hund sein. So viele Freiheiten und doch so viel Nähe. Jesses, jetzt werd ich auch noch emotional-sentimental. Aber jö, wenn wir schon dabei sind: DANKE an alle, die mir diesen genialen Urlaub möglich machten!

Es war wunderbar!

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Wir werden ganz bestimmt wiederkommen!

13. Tag – Part II

 

Als wir heute am frühen Nachmittag erneut starteten, regnete es leicht, weswegen ich die Cam zu Hause liess. Schade, denn es dauerte nicht lange, dass ich dies bereute: Hermine und Spunk haben die Rollen getauscht und Spunk rennt wie eine Wahnsinnige über die Felder, Mine ist derweilen gesitteter und was ruhiger geworden. Zu gerne hätte ich die Mäuselsprünge von Spunk mal festgehalten! Dass sie es in dieser Perfektion kann, hatte ich zuvor noch gar nicht bei ihr gesehen?! Nun sind allerdings auch die meisten Felder gemäht, so dass sie es jetzt einfacher hat und ich auch mehr von ihr sehe. Zuvor sah ich sie ja mehr im hohen Gras, wie sie vor sich rumhüpfte, um voran zu kommen. 😉

Wir hatten eine schöne große Runde, bei der wir sicherlich einiges an Kilometer gelaufen sind. Wie gesagt: schade, dass ich die Cam nicht bei hatte! Da es so regnete und windig war, sind wir erstmal direkt in den Forst gelaufen und irgendwie kam es so, dass wir wieder auf dem Wanderweg landeten (obwohl wir zwischendurch immer wieder quer durch liefen) und ihn dieses Mal streckenweise anders herum abliefen. Guck an, vllt. kamen wir deshalb so fllott voran, weil es die meiste Zeit bergab ging?! Daran hätte ich schon auch mal früher denken können, statt mich ständig den Berg hoch zu mühen… *schallend lach*.

Und endlich sind wir auch mal richtig auf Wild getroffen. Ich kann ja nicht richtig sehen und verwechsel gerne mal Katzen oder Hunde mit Greifvögeln, wenn die 2 km von mir auf dem Acker hocken *lach*, aber ich hielt das Teilchen, was da vor uns auf dem Weg lief, zuerst für einen Fuchs. Zu meiner Entschuldigung bleibt zu sagen, dass ich erst nur die Ohren sehen konnte, weil es in einer Senke lief. *nick* Jedenfalls wunderte ich mich, als sich das Teilchen seelenruhig umdrehte und auf dem Weg stiehen blieb, während wir weiter des Weges liefen. Irgendwann sprang es dann doch mal rechts ab vom Weg und spätestens da erkannte ich, dass das kein Fuchs sondern ein Reh war! Und ein zweites ging gleich mit von links nach rechts. So schön! Meine Nasen störten sich nicht dran und so liefen wir weiter und ich freute mich. Und habe mir überlegt, dass ich doch mal wieder meine Kontaktlinsen überprüfen lassen sollte… *schief grins*!

Dies nur „mal eben zwischendurch“…, denn während die Hunde glücklich, satt und k.o. hier herum liegen, muss ich mich jetzt mal fertig machen, dass ich auch was zum Essen kriege. Heute Abend bin ich nämlich zum Essen eingeladen. Also, bis dahin….

13. Tag

Da hab ich doch gestern Abend glatt einen kleinen „Rüffel“ bekommen, weil ich erst am Abend den Blog aktualisiert hab?! Ts… 😉

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Heute Morgen kam ich nur schwerlich aus dem Bett, dafür gings aber gleich los auf ne Runde. Das Wetter hat sich wieder ein wenig aufgeklärt und zwischendurch lacht die Sonne vom Himmel. Meine Augen scannen derweilen schon den Horizont nach GÜLLE-Feldern ab – ja, soweit ist es schon gekommen! *lach* Dadurch wird entweder die eine oder andere Laufschleife eingebaut um diesen Feldern aus dem Weg zu gehen oder aber, die Hunde müssen mal eben kurzfristig an die Leine. Ihre Nasen und Augen sind nämlich auch wieder auf dieses braune, stinkige Zeugs gerichtet und ich mag keine kranken Hunde mehr haben. Wobei sich mir gerade eh die Frage stellt, was die Nacht mit meinen Hunden geschehen ist und wer sie ausgetauscht hat? Oder haben die hier heimlich Drogen konsumiert? Während Spunk scheinbar in der Nacht einen Clown verschluckt hat und super albern und spiellustig unterwegs ist, wird Hermine immer anhänglicher, bleibt wieder dichter bei, buddelt sich nicht mehr bis nach Australien und ist extrem kuschelig.

Nach der Runde wollte ich eigentlich direkt weiter und mir selbst was zum Frühstücken besorgen, aber die kleine sonnige Kaffeepause auf der Terrasse lud dazu ein, nochmal zur Camera zu greifen und an den Einstellungen zu feilen. So ganz raus hab ich das ja immernoch nicht, aber es wird – denke ich. 😉

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Wär doch wohl gelacht, ich sollte das doch wohl mal hinbekommen, dass die Augen mehr Leben wiederspiegeln?! Wieder durfte Mine kurzfristig die Steinplatten verlassen, um sich aufs Gras zu legen… 😉

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Der kleine Hund sieht hier richtig groß aus oder?! Wenn sie so weiter rennt, dann wird sie noch richtig langbeinig, weil sich ihre Pocke strafft… 😉

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„Ja, stimmt – ich habe richtig schöne, lange Beine!“ Und die Frisur sitzt! Was ein richtiger Großstadt-Punk ist, der legt auch auf´m Dorf grossen Wert auf die richtige Frisur… 😉

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Der große Hund geniesst die Sonne…

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Es wird windig… „Bei dem Wind hier geht ja meine Frisur flöten…!“ Aber die Augen sind klar… 😉

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Der Versuch, beide Nasen auf ein Bild zu bekommen…

Das wurde hier übrigens immer windiger. Und da kam schon was an Geschirrtüchern von Oben auf die Terrasse geflogen?!

Guddie, jetzt muss ich mir aber auch mal was zum Essen organisieren, denn so langsam hab ich auch Hunger! 😉