[Buch] Der klare Blick

 

[Buch] Der klare Blick

Stephan Harbort hat mit Der klare Blick – Mit dem Wissen des Profilers Lügen entlarven und richtige Entscheidungen treffen – dieses Mal ein etwas anderes Buch vorgelegt. Es unterscheidet sich dahingehend, als dass der Autor und führende Serienmordexperte neben den für ihn typischen Aufarbeitungen und Falldarstellungen, den Leser in die Methodik der operativen Fallanalyse einführt. Der Leser erhält so nicht nur kleine Einblicke in die Arbeit eines Profilers, sondern bekommt darüber hinaus ein Werkzeug an die Hand, welches ihm dabei hilft, „nüchtern und abwägend die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Die meisten Menschen verfügen über eine sogenannte „Alltagspsychologie„. Aufgrund unserer Erfahrungen, Einstellungen, etc. hilft sie dabei, uns im Leben zurecht zu finden, auf neue Situationen einzustellen und Entscheidungen zu treffen. Entgegen der wissenschaftlichen Psychologie, werden die jeweils aufgestellten Hypothesen allerdings nicht hinreichend geprüft, vielmehr entscheiden, be- und verurteilen wir rein intuitiv. So sehr uns diese Alltagspsychologie mit ihrer innewohnenden Geschwindigkeit durchaus im Leben hilft, so schnell kann sie allerdings auch zu vorschnellen Schlüssen und Entscheidungen führen. Es macht also durchaus Sinn, an der einen oder anderen Stelle das eigene Konzept zu durchbrechen und den Blick für die Gesamtheit der Situation zu schulen. Nicht immer ist das vermeintlich Offensichtliche auch das Wesentliche…

Aufgeteilt ist dieses Buch in sechs Kapitel. Allen voran ist ein Fallbeispiel aus der Arbeit des Autors gestellt. Anhand von Alltagsbeispielen (aus Familie, Ehe und Beruf) wird sich lebhaft vorgetastet, nach und nach die eigene Wahrnehmung geschärft und die Methodik gelehrt. Entsprechende Checklisten als Handlungsanleitung runden die jeweiligen Kapitel ab und helfen bei der Orientierung.

Der klare Blick ist flüssig zu lesen und durch die vom Autor gewählte Ausdrucksform auch leicht verständlich für interessierte Leser, die zuvor wenig Berührungspunkte mit dem Thema insgesamt hatten.

Und aller Thematik zum Trotz ist das Buch durchaus auch unterhaltsam:

Es ist im vorliegenden Fall von einer durchaus imponierenden Stressresistenz auszugehen.
Dieses Verhaltensmuster erscheint insgesamt deutlich infantil eingefärbt.

 

Wahrscheinlich wirken diese Sätze nicht halb so komisch, wie ich sie empfand, wenn das entsprechende Gedankenkino nicht dabei ist… In dieser Szene ging es um eine große Sauerei, welches die beiden Kinder – oder vielleicht auch die Katze – auf dem Wohnzimmertisch hinterlassen hatten. Bei der alltäglichen Fallbearbeitung war der Profiler bei der Sequenzanalyse angekommen, um den Täter zu entlarven. Und während ich mich innerlich schäumend, mürrisch und völligst genervt der Sauerei angenommen und in der Situation globalgalactische Schimpf- und Beschuldigungstiraden losgelassen hätte, bringt es Herr Harbort mal eben trocken auf den Punkt… Ich muss immernoch lachen, zumal ich zum Zeitpunkt des Lesens selbst aufgrund meines bevorstehenden Krankenhausaufenthaltes sehr unter Druck stand, demnach hätte ich in diesem Fall auch nicht so ruhig auf Spurensuche, bzw. in die Analayse gehen können. Egal…, ich schweife ab, aber dennoch oder auch umso mehr danke ich dem Autor für diese wunderbaren Sätze samt eigenem Kopfkino!

 

Der klare Blick – Mit dem Wissen des Profilers Lügen entlarven und richtige Entscheidungen treffen – von Stephan Harbort, erschienen März 2016 im Knaur Verlag, 288 Seiten, ISBN: 978-3-426-78762-5

[Buch] Ein möglicher Ort

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ (P. Watzlawick) – Konstruktivismus oder doch Psychose?

Der Autor Staphan Kaluza perforiert mit seinen Worten und Sätzen die Membran zwischen Wirklichkeit, Gedanken und Wahn. Irgendwann ist sie so zerstört und durchlässig, dass nichts mehr so ist, wie es scheint, man es erwarten würde oder sich wünscht. Ein Roman, welcher nicht nur unangenehm, sondern auch anstrengend ist.

[Buch] Ein möglicher Ort

Der Protagonist Yann verbringt als Fotokünstler und Paradiessucher viel Zeit alleine an seinem Schreibtisch. Mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms versucht er, die perfekte Idylle zu erschaffen. Da diese für ihn nur ohne jeglichen Menschen existieren kann, schneidet und retuschiert er gnadenlos alle heraus – insbesondere seine Ex-Freundin, nachdem die Beziehung gescheitert ist.

Eines Tages erhält Yann den Auftrag, für eine großangelegte Werbung eines Konzerns, im brasilianischen Regenwald die Rotschwanzamazone in freier Wildbahn zu fotografieren. Und wenn Yann schon nach Brasilien reist, dann kann er für seinen Freund Richard und dessen neues Projekt auch direkt den einflussreichen Autor Salvator Santos treffen und von ihm ein Foto machen. Alles war abgemacht und Yann begibt sich auf die Reise. Nicht nur, dass das Treffen mit Salvator Santos sehr eigenartig und verstörend verlief, so lernt Yann zu allem Überfluss auch noch Julie kennen. Als die beiden schließlich im Regenwald auf sich selbst gestellt sind, stößt Yann nicht nur an seine eigenen Grenzen, sondern vielmehr wird auf dieser Reise seine gesamte Existenz in Frage gestellt. Wessen Protagonist ist er eigentlich?

Die Idee und das Konzept des Autors, mit Realität, Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wahn zu spielen, fand bei mir durchaus Anklang. Allerdings geht es für den Leser ohne Vorwarnung direkt „in die Vollen“. Allzu schnell hebt der Autor dabei dermaßen die Grenzen auf, dass es nicht nur verwirrend, sondern durchaus auch anstrengend ist, der Story zu folgen, bzw. dem zu folgen, was man da eigentlich gerade liest. Ich habe zwei Ansätze gebraucht, um diesen Roman zu lesen. Beim ersten Mal brach ich nach der Hälfte ab, weil er mich nur noch nervte. Beim zweiten Mal las ich ihn durch. Dieses Buch ist nur allzu schwer in Worte zu fassen. Bei der Umsetzung der Idee kam ich selbst an meine Grenze. Zu lang die zusammenfassenden Textanteile, die irgendwann nur noch in ein „Wirrwarr“ zu führen scheinen. Zu kurz die Passagen, bei dem der Leser überhaupt eine Chance bekommt, dem Ganzen folgen zu können. Am Ende war es für mich ein bisschen so wie: „Treffen sich zwei Psychotiker, die von einem Psychopathen gelenkt werden.“

Diesen Roman kann man sicherlich auf verschiedenen Ebenen lesen…, was schon die durchaus aufwendigere Gestaltung des Buches erahnen lässt. Und vielleicht versteht man ihn besser, wenn man einen Blick auf den Autor wirft, denn Stephan Kaluza selbst ist Foto- und Performancekünstler, Maler, Theaterautor und Dozent für Regie am Mozarteum in Salzburg.

Ein möglicher Ort von Stephan Kaluza, erschienen 2015 bei der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, 320 Seiten, ISBN: 978-3-627-00222-0

[Buch] Der Cop

 

[Buch] Der Cop von Ryan David Jahn

Titel und Cover verraten schon, dass es sich bei Der Cop um einen Thriller handelt. Genauso ist die eigentliche Storyline denkbar einfach: Gut jagt Böse. Dieser Thriller beinhaltet dabei allerdings so viele gute und rasante Wendungen, dass er bis zur letzten Seite spannend bleibt.

Ian Hunds Tochter Maggie wurde aus ihrem Kinderzimmer entführt. Sieben Jahre ist das her und da seitdem jede Spur fehlte, wurde sie vor vier Monaten für tot erklärt und der Sarg ohne Leichnam beigesetzt. Doch dann klingelt Ians Telefon auf der Wache und am Ende der Leitung bittet seine Tochter Maggie um Hilfe. Kurz nachdem sie vage Angaben zu ihrem Entführer machen konnte, bricht die Verbindung ab. Ian, der die ganze Zeit nicht an Maggies Tod geglaubt hatte, nimmt die Verfolgung auf.

So weit, so durchschaubar. Die ersten 50 Seiten gehen noch in einem gemäßigten Tempo voran. Doch dann nimmt die Geschwindigkeit der Story zu und ehe sich der Leser versieht, befindet er sich mittendrin in einer sowas von schnellen Abfolge von Ereignissen, dass es nahezu unmöglich wird, von dem Buch abzulassen. Dabei baut R. D. Jahn tatsächlich sehr gute, teilweise überraschende Wendungen ein, so dass die Jagd spannend bleibt und er das Ende nicht direkt verrät. Der Autor hält den Spannungsbogen geschickt und lange hoch. Er fesselt den Leser, ohne ihn zu verwirren. Sehr gelungen!

Der Thriller ist aus gutem Grund im Hayne | Hardcore erschienen, denn die beschriebenen Szenen der Schusswechsel und das anschließende Aussehen der Körper lassen Bilder im Kopf entstehen, die was für Fans der etwas blutigeren und detaillierteren Darstellung von Körperfragmenten sind.

Einziger Kritikpunkt könnte sein, dass sich auf den ersten Seiten ein paar Sätze wiederholen. Doch dieses erklärt sich später durch die Anmerkung des Autors, dass der Thriller um ca. 50 Seiten gekürzt wurde und ich denke, dadurch kam es zu dem etwas „holprigen“ Start. Dieses wird aber durch den weiteren, sehr rasanten Verlauf mehr als wieder gut gemacht.

»Spannend bis zu letzten Patrone«, verspricht der Stern mit einem Satz auf dem Cover. »Stimmt!«, sage ich.

Der Autor R. D. Jahn verließ bereits mit 16 Jahren die Schule und arbeitete in einem Plattenladen. Seit 2004 arbeitet er als Drehbuchautor. Sein Debütroman „Akt der Gewalt“ wurde mit dem Debüt Dagger Award ausgezeichnet.

Der Cop von Ryan David Jahn (übersetzt von Ulrich Thiele) erschien 2014 beim Heyne-Hardcore-Verlag, 336 Seiten, ISBN: 978-3-453-43640-4

[Sach-Buch] Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft

 

[Sach-Buch] Denken - Wie das Gehirn Bewusstsein schafft

Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete versuchen schon seit Jahren, hinter das „Geheimnis“ von Gehirn und Bewusstsein zu kommen. Aufgrund der verschiedenartigen Strömungen, liegt bis heute keine einheitliche Definition zum Bewusstsein vor.

Stanislas Dehaene ist Neurowissenschaftler. Sein Schwerpunk liegt in der numerischen Kognition und in der „Theorie der neuronalen Korrelate des Bewusstseins“. Er gilt als weltweit führend und zählt zu den einflussreichsten Forschern in der Kognitionswissenschaft. Mit seinem hier vorliegenden Buch gibt Dehaene einen Überblick zum aktuellen Stand der Bewusstseinsforschung.

In sieben Kapiteln zeichnet der Autor detailliert die Strategie nach, „[…]die ein philosophisches Mysterium in ein Laborphänomen verwandelt hat.“. (S. 17)

In seinem Buch Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft führt Dehaene den Leser an die unterschiedlichen Stadien des Bewusstseins heran. Noch immer ist dieses Gebiet zu groß und zu unerforscht, als dass es ein allumfassenden Werk geben könnte. Obwohl Dehaene zwischendurch Teile aus der Philosophie und der Psychologie benennt, vernachlässigt er diese weitestgehend. Gemäß seines Fachbereiches, konzentriert sich Dehaene in seiner Arbeit hauptsächlich auf die Mess- und somit Nachweisbarkeit (z.B. durch bildgebende Verfahren), um so einen relativ deutlich erkennbaren Teilaspekt des Bewusstseins darzustellen.

Dabei bezieht sich Dehaene auf die Theorie des globalen Arbeitsraums (Baars, B. (1986): A cognitive theorie of consciousness, NY: Guilford Press), in der davon ausgegangen wird, dass weite Teile in der Informationsverarbeitung vor- und unterbewusst ablaufen, ehe sie im „globalen Arbeitsraum“ bewusst werden und somit weiteren kognitiven Prozessen zur Verfügung stehen.

Darauf aufbauend, entwickelt Dehaene eine neue empirische Theorie über die Wahrnehmung und das Denken. Er zeigt anhand von Studien und Versuchsergebnissen, welche messbaren Spuren / Signaturen im Gehirn vorhanden sind um deutlich zu machen, auf welche Art und Weise Bewusstsein im Gehirn überhaupt entsteht und wie es durchaus auch manipuliert werden kann. Des Weiteren beschäftigt er sich damit, wie dieses gewonnene Wissen im Kontext Koma-Patienten eingesetzt werden kann oder welches Bewusstsein Säuglinge haben.

Sicherlich streitbar sind seine kleinen Ausführungen und Erklärungsversuche zum Erkrankungsbild der Schizophrenie am Ende des Buches und der Ausblick auf die künstliche Intelligenz. Aus seiner Sicht absolut nachvollziehbar, stellt sich dennoch die Frage, ob alles alleine durch diese Theorie erklärbar ist?

Dieses Buch kann nicht das gesamte Feld beleuchten und kann auch keine allumfassende Erklärung / Antwort zur Frage „Was ist Bewusstsein?“ geben, dafür ist der Bereich zu groß und es bedarf weiterer Forschung. Aber es bietet in seinem Teilbereich einen Überblick, wichtige Informationen und Erkenntnisse. Es ist durchaus ein wirklich sehr guter Beitrag zur weiteren (Bewusstseins-)Diskussion.

Wie bei derlei Publikationen üblich, wird hier ein wenig Vorwissen vorausgesetzt und ist sicherlich auch sinnvoll. Dennoch wird dem interessierten und wirklich geneigten Leser (auch als Laie) der Zugang zu diesem spannenden Feld nicht verwehrt bleiben, zumal es sehr flüssig geschrieben ist. Selbstverständlich finden sich am Ende umfangreiche Ausführungen zu den Anmerkungen, Nachweise zur Literatur und den Abbildungen, sowie ein entsprechendes Register.

Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft“ von Stanislas Dehaene (übersetzt aus dem Englischen von Helmut Reuter), erschienen 2014 im Knaus Verlag, 480 Seiten, inkl. s/w – Abbildungen, ISBN: 978-3-8135-0420-0

Bücher und Menschen


Bücher und Menschen...

… man muss sie zur rechten Zeit treffen!

Während eines Cuxhavenaufenthaltes im Frühjahr, lernte ich zwei wundervolle Menschen kennen. Wir sahen und verstanden uns und ich würde sagen, daraus hat sich sofort eine Verbundenheit auf einer ganz besonderen Ebene entwickelt.

Irgendwann während des Kennenlernens, erwähnte ich P. gegenüber, dass ich mal eine Tour mit meinem Hund geplant hatte (Von Dortmund nach Cuxhaven – zu Fuss). Und „schwupp“, hatte ich von ihm ein Buch in die Hand gedrückt bekommen:

Deutschland umsonst – Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“ von Michael Holzach.

Das Buch ist völlig vergilbt, die Seiten schon angelaufen, das Cover zerschlissen und geknickt. Das Exemplar, welches ich in der Hand halte, ist bereits 30 Jahre alt. Der Inhalt selbst noch älter – 1982 ist es erstmals erschienen. Damals ist es wohl schnell zum Kultbuch avanciert. Mir selbst ist der Status des Buches egal – ich liebe es! Es kam genau richtig und mir ist es auch egal, dass hier noch so drei oder vier Bücher darauf warten, erwähnt zu werden, da ich sie schon längst ausgelesen habe. Dieses Buch hat genau hier und jetzt seinen Platz und seine Zeit gefunden und verdient!

Während sich draußen in der Welt die Menschen aufregen, ich selbst einem Nervenzusammenbruch bei meinen ganzen Arztterminen (bei und mit denen es ja nie so läuft wie es sollte) immer näher komme, bin ich gestern mit diesem Buch einfach mal abgetaucht und habe allem und allen mal gepflegt meinen Mittelfinger gezeigt.

Michael Holzach ging zu Fuß und ohne Geld einmal durch Deutschland. Am ersten Tag holte er seinen künftigen vierbeinigen Wegbegleiter Feldmann aus dem Tierheim ab und startete in Hamburg. Und Dank seines Reiseberichtes konnte ich ihn begleiten. Mit seinem Buch gab er mir genau das, was ich in dem Moment brauchte. Und er tat genau das, was ich mich wohl nie trauen werde: er ist einfach losgegangen, ohne irgendwas im Vorfeld zu planen. Mit einfachen Sätzen schildert Holzach seine Tour. Er erzählt von seinen Begegnungen, wie er in Scheunen übernachtete, wie er aus Versehen zum Doppelagenten bei einer Nato-Übung wurde, wie er sich was zum Essen organisierte, aber auch von seiner Scham, die es ab und an zu überwinden galt. Von der ablehnenden Haltung im Wohlstandsland, argwöhnischen Menschen – kurzum: er ist zum Tippelbruder geworden. Sechs Monate auf den Landstraßen und quer durch die Städte war er unterwegs.

Unter anderem führte ihn sein Weg durch Dortmund. Holzach ist an der Emscher (einem Fluss) entlang gelaufen. Diese führte ihn nach Aplerbeck. Genauer zur psychiatrischen Klinik, die im gesamten Ruhrgebiet bekannt ist. Noch heute sagt man hier einfach „Aplerbeck“, als Synonym dafür, wenn man meint, der andere wäre „nicht ganz dicht im Oberstübchen“. Das wird sich wohl auch nicht ändern, hier im Pott.

Da mich gestern dieses Buch überall hin begleitete, saß ich nun also bei meinem Zahnarzt erneut im Wartezimmer und schlug es auf. Auf Seite 117 war ich „stehen geblieben“. Die ersten beiden Worte, die ich las waren „Dortmund – Huckarde“. Oh ha, das war schon fast unheimlich, wobei es genau genommen aber eigentlich mein Gefühl für dieses Buch bestätigte. Der Ort, an dem ich mich gerade befand, exakt in dem Moment, als ich die ersten beiden Worte las war: „Dortmund – Huckarde“. Derlei Momente gab es einige für mich in diesem Buch – unglaublich!

Und während Holzach von seiner Emscher-Wanderung schreibt, schießt mir ein längst vergessener Name durch mein Kopf: Herr K.. Herrn K. hatte ich vor vielen Jahren hier im Park kennengelernt. Wir begegneten uns häufiger mit unseren Hunden und kamen ins Gespräch. Damals war ich nur noch genervt von dieser Deutschen Großstadt und fühlte mich hier gar nicht wohl. Genau genommen hatte ich sogar Fluchtgedanken, aber stattdessen dehnte ich meinen Frust einfach auf die gesamte Menschheit aus. Eines lieben Tages also, sprachen Herr K. und ich miteinander und völlig unreflektiert meinte ich zu ihm: „Ich mag die Menschen nicht.“, Herr K. erwiderte nur, dass das aber nicht sein könne und lud mich kurzerhand zum Frühstück ein. Schnell Brötchen besorgt und während ich noch Einwände stammelte, vonwegen, dass wir seine Frau doch nicht einfach mit mir als Gast überfallen können, und er nur meinte, dass sie schon immer ein recht offenes Haus gehabt hätten und sich seine Frau schon nicht wundern würde, fand ich mich an deren Tisch wieder. Fortan freute ich mich, wenn ich sie traf. Herr K. hatte sich auch viel mit der Emscher beschäftigt. Sogar mal ein Buch über diesen Nebenfluss herausgebracht. Und da ich mich zu erinnern meinte, dass er mir damals ein Exemplar davon gab, kam es, dass ich am Abend meine Bücherregale nach genau diesem Buch durchsuchte. Längst hatte ich es vergessen geglaubt. Aber wiedergefunden habe ich es leider nicht. Schade. Jetzt hätte ich es gelesen! Herr K. verstarb plötzlich und schnell an einem Herzinfarkt eines morgens, ich hatte seine Frau am nächsten Tag im Arm gehalten bei meinem hilflosen Versuch, sie zu trösten.

Gestern Abend googlete ich noch ein wenig nach weiteren Informationen. Unter anderem fand ich eine Rezension, die dieses Buch sehr politisch erläuterte. Der Gedanke daran, dass selbst dem Autoren manch eine politische Diskussion in diesem einen Moment herzlich egal war, in dem er Hunger litt oder einen Schlafplatz benötigte, beruhigte mich ein wenig. Denn offen gesagt: die Frage, ob und wieviel sich verändert hat in diesem sog. Wohlstandsland, würde ich jetzt gerade nicht diskutieren wollen. Ein anderer Leser schrieb, dass er dieses Buch zwar nett fand, es aber bestimmt nicht zum „Kultbuch“ erheben wollen würde. Ich sag mal so: 30 Jahre später habe ich dieses Buch in die Hand genommen und gelesen. Es hat einiges in mir losgelöst und ich hätte noch ewiglich weiter lesen wollen. Wenn man das so schreiben kann, dann fühle ich mich diesem Buch verbunden. Und an dieser Stelle will und muss ich nicht objektiv sein. Damals ist es an mir vorbei gezogen, jetzt ist es da (Danke an M. und P. aus E.) und ich bin froh, dass ich es gelesen habe! Darüber hinaus finde ich es schade, dass ich so ein verdammter Schisser bin, um nicht selbst in irgendeiner Form einfach mal zu MACHEN und loszuziehen, statt immer nur darüber nachzudenken.

Es war nicht das erste Mal, dass Holzach loszog. So hat er schon einmal ein Jahr lang bei den deutschen Hutterern in Kanada gelebt und darüber geschrieben: Das vergessene Volk – Ein Jahr bei den deutschen Hutterern in Kanada.

Es folgte u.a. das hier vorliegende Buch. Dieses wird ab September ´15 wieder zu erwerben sein beim Hoffmann und Campe Verlag.

Holzach wurde 1947 geboren, studierte Sozialwissenschaften, war Reporter bei der ZEIT und seit 1978 freier Schriftsteller. 1983 verunglücklichte er in Dortmund tödlich, bei dem Versuch, seinen Hund Feldmann aus dem Kanal zu retten. Feldmann überlebte.

[Buch] Baba Jaga


[Buch] Baba Jaga von Toby Barlow

Baba Jaga sind in der slawischen Mythologie Märchengestalten. In seinem gleichnamigen Roman erzählt der Autor Toby Barlow eine skurrile und rasante Geschichte.

Da ist Will, der augenscheinlich in einer Werbefirma arbeitet, diese aber eigentlich als Briefkastenfirma der CIA fungiert. Will ist sehr großzügig bei der Herausgabe wichtiger Informationen, so dass er mehr und mehr in den Strudel der Spionage und in die eine oder andere prekäre Situation gerät.
Dann sind da noch die beiden russischen Hexen: die wunderschöne Zoja, die die Männer betört und sich damit seit Jahrhunderten ihren Lebensunterhalt sichert. Wird Zoja ihrer überdrüssig, entledigt sie sich kurzerhand der Männer und bringt sie wenig Aufsehen erregend um. Doch dieses Mal ist irgendwas schief gelaufen und ihr letzter jahrelanger Begleiter hängt sehr auffällig mit dem Kopf aufgespießt am Zaun. Sie flüchtet sich zunächst zur alten Elga, der verbitterten alten Hexe, die daraufhin ihrerseits genug von Zoja hat und sie ebenso beseitigen will.
Der Polizist Vidot kommt bei den Ermittlungen zum Fall „Mann am Zaun hängend“ den Hexen bedrohlich nahe, so dass Elga ihn in einen Floh verwandelt.
Hinzu kommen noch die Agenten der CIA, die sich in einschlägigen Etablissements die Klinke in die Hand geben und es wird mehr als rasant in der Geschwindigkeit der Ereignisse.
Dabei muss das Paris Ende der 50´er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Dorf gewesen sein, denn irgendwie begegnen sich alle stets und ständig und ihre Wege streifen sich auf die eine oder andere, manchmal recht spektakuläre Art und Weise… Und während Zoja und Will ihre Liebe füreinander entdecken und Vidot versucht sein Leben als Floh auf die Reihe zu bekommen, experimentiert ein anderer mit bahnbrechenden bewusstseinserweiternden Drogen, in denen sich neue Welten auftun.

Wenn man einige Gegebenheiten einfach mal so hinnimmt und sich nicht wundert oder hinterfragt, dann wird man als Leser dieser rasanten Story seinen Spaß haben.

Ehrlich gesagt war ich hin und her gerissen beim Lesen dieses Buches. Auf der einen Seite hatte ich meinen Spaß und fand die eine oder andere Stelle urkomisch und super geschrieben. Dann wiederum habe ich mich gewundert und ein wenig den Kopf geschüttelt. Es sind eine ganze Menge Personen und Gegebenheiten, die der Autor da zusammen fliessen lässt. Da kam es mir beim Wie manchmal ein wenig flach vor. Das sind so Momente, wo mir ein „Ja nee, is´ klar!“ durch den Kopf rauscht und meine Augenbraue nach oben geht. Vielleicht war es ein bisschen zu gut gemeint? Ein Zuviel an Komponenten, die es in der Story zu vereinen gilt? Nahezu genervt war ich sogar auch: von den Hexenliedern, die immer mal wieder in dem Buch auftauchen. In diesen Lieder verbergen sich noch zusätzliche Informationen zu den Hexen. Aber da sie nicht wirklich zum Verstehen gelesen werden mussten und sie für mich wirklich Drüber wirkten, bin ich sogar dazu übergegangen, sie zu überblättern. Eine für mich neue Erfahrung.

Aber selbst, wenn ich manchmal so durch die Handlung des Buches gestolpert bin und irgendwann tatsächlich dahin kam, es „einfach geschehen zu lassen und dran zu bleiben“, waren es genau diese Absätze, die mich lachen ließen:

War man schließlich schon einmal von einer rasenden russischen Sexbombe zu einer liebestollen lesbischen Doppelagentin durch die Straßen von Paris gehetzt, konnten Gartengrillpartys leicht ihren Reiz verlieren.

 

S. 291

Baba Jaga ist der zweite Roman des Autors Toby Barlow. Sein Debütroman Sharp Teeth brachte ihm mehrere Auszeichnungen ein. Barlow lebt Detroit und New York und arbeitet als Creative Director in einer Werbeagentur.

Baba Jaga von Toby Barlow (übersetzt von Giovanni und Ritte Bandini), erschienen 2014 beim Hoffmann und Campe Verlag | Atlantik Bücher, ISBN: 978-3-455-60000-1

[Buch] Tabu

 

[Buch] Tabu von Ferdinand von Schirach

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ fragte schon Paul Watzlawick. Nach Watzlawick ist Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation. Von Senden und Empfangen. Und den entsprechenden „Entschlüsselung-Codes“.

In der Lernpsychologie besagt die Kernthese des Konstruktivismus, dass Lernende im Lernprozess eine individuelle Repräsentation der Welt schaffen.

Unschwer zu erkennen: es gibt nicht diese eine Wirklichkeit, kann sie gar nicht geben. Vielmehr gibt es zahllose Wirklichkeitsauffassungen, Annäherungen.

Und wenn alle das gleiche glauben, ist es doch noch lange nicht die Wahrheit … oder?

Was ist dann wirklich wahr?

Wirklichkeit und Wahrheit sind für Schirachs Protagonisten zwei große Themen. Und somit sind wir bei seinem Roman Tabu:

 

Sebastian von Eschburg ist Synästhetiker und ein namenhafter Künstler. Mit seinen Fotografien und Videoinstallationen zeigt er, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. Er wächst in einem distanzierten Elternhaus auf und während seiner ersten Ferien vom Internat wird er Zeuge, wie sein Vater Suizid begeht. Eschburg wird im späteren Verlauf festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, eine junge Frau getötet zu haben.

Die Staatsanwältin Monika Lindau nimmt die Ermittlungen auf. Alles an diesem Fall erscheint merkwürdig. Zudem wird Landau zur Zeugin, wie der vernehmende Polizist unter Androhung von Folter dem Verdächtigen ein Geständnis entlockt. Sie macht einen entsprechenden Aktenvermerk.

Der Strafverteidiger Konrad Biegler übernimmt u.a. aufgrund Landaus Aktenvermerk die Verteidigung von Eschburg. Biegler begibt sich in Eschburgs Welt. Puzzleteile fügen sich zusammen… Es dauert lange, ehe alle Zuschauer den Gerichtssaal verlassen haben.

 

Getreu der dem Buch vorangestellten Farbenlehre nach Helmholtz, die besagt, dass Grün, Rot und Blau uns als Weiß erscheint, sobald sich das Licht der Farbe in gleicher Weise mischt, ist dieser Roman in eben diese Farben eingeteilt. Im letzten Teil, dem „Weiß“, raucht Eschburg eine Zigarette.

Dieses Buch ist wie eine Wand. Na ja, eigentlich ist es vielmehr so, als würde man dieses Buch vor einer Wand lesen. Man kann nicht drüber hinweg sehen, auch nicht links oder rechts daran vorbei. Hinter den Buchstaben befinden sich nur die Steine und der Mörtel. Mehr braucht es auch nicht.

Dieser Roman ist… anders. Und genau das ist es, was ihn so streitbar macht: mit wenigen, klaren und nüchternen Sätzen stellt der Autor eine große, weitreichende Inszenierung dar. Die einen loben Schirach in den Himmel, die anderen sagen, er könne gar nicht schreiben. Der Autor benutzt kein Wort zuviel, jede weitere Information würde sich als überflüssig erweisen. Das macht diesen Roman aus. Tabu beinhaltet nur die nötigsten Sätze.

Für mich einer der großartigsten Absätze:

Vor der Terrasse mähte ein Bauer die Wiese. Der Traktor war schön, aber sein Auspuff war defekt. Biegler glaubte, dass auch der Bauer defekt war – er mähte jeden Tag dasselbe Stück Wiese. Er probierte die Sache mit dem positiven Denken und grüßte den Bauern höflich. Der Bauer starrte ihn an. Biegler nickte zufrieden.

 

S. 152

Ich weiß nicht, ob man diesen Absatz nicht sogar schon als „mit großzügig vielen Worten ausgeschmückt“ bezeichnen könnte? Egal wie: ich mochte dieses Buch gerne lesen und empfand die „Andersartigkeit“ durchaus mal erleichternd. Wobei ich auch sagen muss, dass es mir zuviel wäre, direkt im Anschluss ein weiteres Buch zu lesen, welches in diesem minimalistischen Stil geschrieben ist.

Ferdinand von Schirach machte schon mehrfach von sich Reden. Er ist ein auf Strafrecht spezialisierter Rechtsanwalt und begann „erst“ im Alter von 45 Jahren, Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Seine Romane Der Fall Collini und Tabu wurden zu internationalen Bestsellern und Schirach wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. 1964 in München geboren, lebt er heute in Berlin.

Tabu von Ferdinand von Schirach, als Taschenbuch erschienen im März 2015 beim Piper Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-492-30520-4

[Buch] Lügen über meinen Vater

 

[Buch] Lügen über meinen Vater

Groß. Beeindruckend. Gewaltig.

John Burnside hat es wieder geschafft mich zu packen und wegzuschleppen. Diesmal auf einer ganz anderen Ebene…

Seine Romanbiografie Lügen über meinen Vater ist schwer zu beschreiben. Ich habe das Buch schon eine Weile durchgelesen und suche immernoch nach den richtigen, treffenden Worten. Es ist auf einer manchmal sehr harten, manchmal auf einer sehr subtilen Ebene stark, berührend, verstörend. Und doch auch Frieden schließend, so dass ich es nach dem Auslesen ohne Groll zur Seite legte. Aber es hat etwas (in und mit mir) angerichtet, denn es liegt weiterhin auf dem Tisch und ich schleiche drumherum, mir die Worte herausringend.

Eingangs schreibt der Autor:

Dieses Buch liest man am besten als ein Werk der Fiktion. Wäre mein Vater hier, um mit mir darüber zu reden, gäbe er mir bestimmt recht, wenn ich sagte, es sei ebenso wahr zu behaupten, dass ich nie einen Vater, wie dass er nie einen Sohn hatte.

 

Burnside beschreibt die Beziehung oder auch Nicht-Beziehung zu seinem Vater. Dieser ist ein Säufer, Grossmaul und seinen Kindern gegenüber ein alltäglicher Sadist. Er war ein Findelkind, wurde als Säugling einfach auf einer Türschwelle abgelegt. Zeitlebens erfand der Vater (Lügen-) Geschichten über seine Herkunft. Er will Anerkennung und als ein bedeutungsvoller Mensch wahrgenommen werden. Bei seinen Säuferkollegen in den diversen Pubs hat er es geschafft. In dem Haus der Familie zeigt er sich weiterhin als Tyrann, der mit seiner Verachtung alles zerstört.

Als Sohn versucht John seinen eigenen Weg zu finden. Er experimentiert mit Drogen, verliert sich in und mit ihnen, bis zum Exzess. Er landet gleich zwei Mal in der Psychiatrie.

Schließlich, fast unmerklich und ohne großes Getöse, kam mir der Gedanke, dass ich endlich unsichtbar geworden war.

 

Burnside, S. 337

Bis John es letztlich leid ist – sich selbst leid ist – sich aus der Psychiatrie entlässt und weiterzieht.

Selbst nach dem Tod seines Vaters kann er sich nicht wirklich von ihm befreien. Erkannte John ihn schon in seinen eigenen Exzessen wieder, wandert er auch darüber hinaus weiterhin in seinen Gedanken umher. Doch nicht zuletzt eröffnet ihm die Welt der Literatur eine neue Perspektive.

John Burnside hat hier ein abgrundtief ehrliches Erinnerungsbuch vorgelegt. Er versteht sein Handwerk und jeder Satz kommt mit einer authentischen Wucht daher, wie ihn nur einer schreiben kann, der viel durchgemacht, reflektiert und erkannt hat.

Jahrelang hat der Autor seinen Hass auf den Vater unter der Oberfläche versteckt, bis er sich mit diesem gewaltigen Werk „aufgeräumt“ zu haben scheint.

Dabei schreibt Burnside sehr unaufgeregt. Umso heftiger schlagen jedoch einige Sätze auf den Leser ein. Die ständigen Machtdemonstrationen und das Gefühl des Ausgeliefertseins sind deutlich spürbar. Er beschreibt seinen eigenen exzessiven Weg in den Abgrund mit kristallklaren und nachvollziehbaren Worten. Nicht sentimental, sondern geistreich. Einmal ins „Fegefeuerstadium“ und zurück.

John Burnside wurde 1955 in Schottland geboren. Für seine Bücher erhielt er ebenso viel Lob wie Kritik. Die hier zulande bekanntesten Romane Burnsides dürften „Glister“ und „In hellen Sommernächten“ sein. Schon sein Debütroman „Haus der Stummen“ begeisterte und beeindruckte mich. Genauso wie dieses Werk.

Die Originalausgabe erschien bereits 2006 unter dem Titel „A Lie About my Father“. 2011 erhielt er hierfür den Internationalen Literaturpreis Corine.

Lügen über meinen Vater von John Burnside (übersetzt von Bernhard Robben), als Taschenbuchausgabe im Dezember 2012 beim btb Verlag erschienen, 382 Seiten, ISBN: 978-3-442-74480-0

 

In eigener Sache: Auf Seite 184 schreibt Burnside über die Bilderreihe Scenes from the Passion des Künstlers Georg Shaw, welche ihn an Corby (einer Stadt in England) erinnerte. Shaw malte in Humbrol-Emaille auf Pappe.

Besonders zwei Werke benennt Burnside: The Middle of the Week, 2002 und The New Star.

Ich habe es mir nicht nehmen lassen, hier mal genauer nachzuschauen und bin von einigen Bildern schwer begeistert und total angetan!

Wer Lust hat, kann mal Georg Shaw, Scenes from The Passion: The Middle of The Week (2002) bei Google eingeben und auf die Bilder klicken.

Ich hänge mich jetzt mal aus dem Fenster und zeige Euch eines, was ich unglaublich genial finde und welches Burnside benannte:

[Buch] Lügen über meinen Vater

Georg Shaw. Scenes from the Passion: The Middle of the Week, 2001: Humbrol enamel on board. 77 x 101 cm [*1]

Ist das nicht einfach nur genial?! Ich kann mich nicht sattsehen…!

Weiterführende Links: scenesfromthepassion, Wilkinson Gallery

[*1] Das Bild fand ich unter anderem auf der Seite: scenesfromthepassion – Georg Shaw’s Tile Hill | An Unofficial Guide. Sollte das Einstellen des Bildes ein Problem darstellen, so bitte ich um eine kurze Nachricht und ich werde es umgehend wieder rausnehmen.

[Buch] Goldfisch

 

[Buch] Goldfisch

In meiner Heimatstadt habe ich mich früher gerne ans Museum beim Bahnhof gesetzt und die Menschen beobachtet. Während sie so ihres Weges gingen, habe ich mich gefragt, wo genau sie wohl hingehen würden und was sie eigentlich für ein Leben führen. Ich bin der Frage nie nachgegangen und sie hat sich im Laufe der Zeit verloren…

Und dann kommt der Autor Bradley Somer daher und knüpft mit seinem Roman Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel genau dort an. Das Buch liest sich erfrischend unterhaltsam und leicht; dabei ist es nicht zu kitschig, sondern eher so, dass ich mir mehr gewünscht hätte und es schade fand, als ich die letzten Seiten umschlug und die Geschichte zu Ende war.

 

Der Goldfisch Ian springt mit einem beherzten Flossenschlag über den Rand seines Glases, welches auf dem Balkon steht. Langeweile ist was für Schnecken – Goldfische sind Abenteurer! Und während Ian sich nun im Fall befindet und sein Fischhirn mit der Geschwindigkeit kaum mitkommt, kann er durch die Fenster des Wohnblocks schauen und bekommt kleine, sekundenschnelle Momentaufnahmen aus dem Leben der anderen Bewohner zu sehen. Die Einblicke, die der Leser bekommt, sind etwas länger und intensiver.

Der Leser begleitet einige der Bewohner des Seville on Roxy – so der Name des Hochhauses – für einen Augenblick. Gerade lange genug, um mehr oder weniger intensive Momente mitzubekommen. Aber dennoch kurz genug, um zu wissen, dass ihr Leben noch viel mehr beinhaltet. Es wird weitergehen, während der Leser längst wieder verschwunden ist.

Dabei hat jeder Bewohner dieses anonymen Wohnblocks seine eigene Geschichte, ohne zu wissen, was sie eigentlich – und vor allem wie viel – sie miteinander verbindet, dass sie ein Teil des Ganzen sind. Manche begegnen sich, lernen sich kennen, andere bekommen nichts davon mit und verflechten sich wiederum mit der Geschichte des Dritten .

Das ist wie ein Mosaik: während Ian  – der mit seinem Fall die Erdanziehungskraft bestätigt – den Rahmen vorgibt, entstehen innerhalb des Rahmens viele kleine Bilder aus Teilausschnitten. Sie berühren und verweben sich, bis sie selbst ein Bild ergeben. Das Gesamtwerk ließe sich gut im Foyer des Seville on Roxy aufhängen. 

Kein einziger Mensch lebt sein Leben allein; wir alle leben unsere Leben gemeinsam.

 

Bradley Somer

Manchmal könnte der Eindruck entstehen, dass es ein wenig zuviel an Drama des Einzelnen ist. Ich für meinen Teil fand die Geschichte – genau so wie sie ist – gut.

  • Die unter Agora- und Mysophobie leidende Claire, welche ihren Job bei der Sexhotline verlor, wieder auf „Schweinchen“ trifft und allen Umständen zum Trotz ihre Quiche fertig macht.
  • Die schwangere Petunia, die jetzt irgendwie zusehen muss, dass sie ihr Kind gebährt und dabei wollte sie doch eigentlich gerne ein Sandwich-Eis essen.
  • Der Junge Hermann, der ständig aus Zeit und Raum fällt und dazu seine eigene Theorie entwickelt, bevor er sich mitten in einer Situation wiederfindet, aus der er jetzt nicht verschwinden darf.
  • Jimenez, der im Hintergrund das Gebäude am Laufen hält, gerade noch einen selbst verursachten Fahrstuhlbrand stoppen kann und auf einen Mann in einem wunderschönen kaminroten Kleid trifft.
  • Gath, der all seinen Mut zusammen nimmt und bei dem sich das Glück wie ein Schluck heisse Schokolade im Bauch ausbreitet.
  • Katie, die eine wichtige Mission ansteuert, während Conner zu spät bemerkt, dass es Liebe ist.
  • Nicht zu vergessen: die verruchte Verführerin Faye, die noch schnell ihren String aus der Luft greifen kann, ehe sie ein Leben rettet.
  • Und immer wieder mittendrin: unser Ian, der sich wiederholend die Frage stellt, was er eigentlich gerade gemacht hat.

 

Mir hat es viel Spaß gemacht, diesen Roman zu lesen und ich fand es durchaus gelungen, wie der Autor den Perspektivenwechsel eingebaut hat, um jedem Bewohner sein eigenes Fenster zu geben und trotzdem zu einem Ganzen werden zu lassen. Kurzweilig und gut!

 

Bradley Somer wurde ich Australien geboren, wuchs in Kanada auf und lebt derzeit in Calgery. Er studierte Anthropologie und Archäologie. Er schrieb diverse Kurzgeschichten und sein Debütroman „Imperfections“ wurde mit dem kanadischen CBC Book Award ausgezeichnet.

 

Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel von Bradley Somer, erschienen 2015 im DuMont Buchverlag, 320 Seiten, ISBN: 978-3-8321-9783-4

[Buch] Das Handwerk des Teufels

 

[Buch] Das Handwerk des Teufels von D. R. Pollock

Es ist schon wieder passiert…, beim Umblättern der letzten Seite dieses Buches dachte ich: „Hammer!“.

Ich habe wieder einen kleinen Abstecher nach Ohio (USA) gemacht, unter anderem auch nach Knockemstiff. Der Ort und der Autor Donald Ray Pollock mit seinen Worten, die Umgebung und Menschen dort zu beschreiben, haben es mir einfach angetan. Wenn ich jetzt schreibe, dass es fast so wie „nach Hause kommen“ war, dann ist das sicherlich in vielerlei Hinsicht übertrieben, aber auch dieser Roman konnte mich genauso begeistern wie damals „Knockemstiff“.

Da ist Arvin, der mit seinen Eltern auf einem Hof mitten im Nirgendwo lebt. Als seine Mutter erkrankt, entwickelt der Vater einen religiösen Wahn. Zwischen Tierkadavern und Menschenblut, beim Gestank von Verwesung und Leid, muss Arvin beten, bis ihm die Stimme versagt. Seine Mutter stirbt, sein Vater wählt den Freitod und fortan verbringt Arvin sein Leben als Waise bei seinen Großeltern.

Ebenso wie Lenora. Ihre Mutter wurde Opfer zweier religiöser Fanatiker. Einer davon war ihr Mann Roy. Der andere sein verkrüppelter Bruder Theodore im Rollstuhl. Sie zogen als Prediger durchs Land. Gehört wurden sie aufgrund ihrer „Showeinlagen“, mit denen sie ihren Glauben für alle sichtbar untermauern wollten. Bis sie in ein Tief gerieten. Um sich wieder auf die Predigerbühnen zu bringen, entwickelt Roy den ultimativen Plan als Beweis für „seinen guten Draht nach Oben“. Nach dem Mord an der Mutter, tauchen beide unter und Lenora bleibt bei Arvins Großeltern.

Dann sind da noch Sandy und Carl. Sie sind ein Serienkillerpaar und reisen rund um Ohio durch die Gegend. Sie suchen sich „Models“, welche sie für Carls kranke „Kunst“ benötigen.

Und last but not least gibt es noch den korrupten Sheriff Lee, der auf seine Weise für Recht und Ordnung sorgt.

Nun könnte man nach meinen Zeilen meinen, dieser Roman sei eine mit religiösem Wahn überfrachtete Killerstory. Darauf ein: Nein! Der Autor D. R. Pollock versteht sein Handwerk. Wie all diese Menschen in ein Buch passen, sich ihre Wege kreuzen oder gar zusammen gehören, zeigt Pollock mit seiner gekonnten Art zu schreiben und eine Storyline zu schaffen. Sein Ausdruck dabei ist hart, ungeschminkt. Er verschönt nichts, verzichtet auf Schnörkel. Aber gleichfalls bagatellisiert er auch nichts, vielmehr nimmt und beschreibt er es so, wie es kommt. Hinzu kommt, dass die Handlung Anfang der 60’er Jahre des letzten Jahrhunderts spielt und teilweise im Hinterland stattfindet. Das passt alles, bis zum letzten Punkt.

Donald Ray Pollock ist 1954 geboren und wuchs selbst in Ohio auf. Er brach die Highschool ab, arbeitete erst in der Fleischfabrik und anschließend über 30 Jahre in der Papiermühle. Erst Ende der 80’er Jahre holte er seinen Abschluss nach und schrieb sich an der Uni ein.

Das Handwerk des Teufels“ von D. R. Pollock, erschienen 2013 als Taschenbuchausgabe beim Wilhelm Heyne Verlag (Heyne | Hardcore), ISBN: 978-3-453-43692-3

[Buch] Das Handwerk des Teufels von D. R. Pollock

Besonders gefreut habe ich mich, Hank von Maudes Laden wieder getroffen zu haben. Sollte ich tatsächlich jemals nach Knockemstiff kommen, werde ich ihn persönlich besuchen. Vielleicht ist es dann ein Hank in der 2. oder 3. Generation, aber es wird sicher immer ein Hängengebliebener im Laden sein.

Und irgendwann werde ich vielleicht selbst mal ein Buch über die deutsche Großstadt in der wir leben schreiben – mit all ihren Menschen und Geschichten. Spätestens dann wird klar, warum ich Pollock und seine Art zu schreiben so treffend finde und dermaßen schätze! 😉