[Buch] Santiago liegt gleich um die Ecke

 

[Buch] Santiago liegt gleich um die Ecke

Der Autor Stefan Albus erklärte kurzerhand die Stadt Trier zu seinem Santiago und pilgerte los. Von der Haustür aus startete er in Dortmund, um 23 Tage später in Trier anzukommen. Die rund 400 km bewältigter Weg hält er hier in diesem Buch fest. Dabei erlebt er allerhand ernüchterndes, kurioses, trifft auf skurrile Menschen, schüttelt Heino die Hand und lässt an all dem seine Leser teilhaben.

Pilgern muss nicht immer was tief religiöses haben oder zu wahnsinnigen Eingebungen führen. Scheinbar mit Reisszwecken gefüllte Schuhe gehören genauso dazu, wie ein zu schwerer Rucksack, der sich in den Rücken bohrt. Stefan Albus verpackt es allerdings in eine kräftige Portion Humor und es ist durchaus sehr erfrischend, unter all den Pilgerbüchern mal eines zu lesen, in dem der Autor tatsächlich die Wege läuft, die sich direkt um die Ecke befinden. Deutsche Pilgerwege sind nicht weniger spannend, als spanische. Wohl eher das Gegenteil ist der Fall, denn hierzulande steht der Tourismus nicht unbedingt an erster Stelle und der Hype darum findet eher in südlicheren Regionen statt. Gerade das macht dieses Buch lesens- und liebenswert. Und irgendwie eröffnet sich dem Autor dann doch noch die eine oder andere Erkenntnis.

Angereichert ist das Buch mit diversen Fotos, Kartenmaterial und einem Adressen- / Literaturverzeichnis. Aber entscheidend ist: es liest sich wie ein tatsächliches Tagebuch, was es für mich so sympathisch machte.

Dr. Stefan Albus ist 1966 geboren, lebt in Herne und arbeitet seit 1996 als Journalist, Ghostwriter und Redenschreiber. Seine Arbeit wurde u.a. mit dem Förderpreis zum Literaturpreis Ruhrgebiet ausgezeichnet.

Santiago liegt gleich um die Ecke – Pilgern in Deutschland von Stefan Albus, erschienen in 3. Auflage 2012 im Gütersloher Verlagshaus, 239 Seiten, ISBN: 978-3-579-06738-4

Lotte

Gerade hab ich nachgeschaut: im Dezember des letzten Jahres habe ich das erste Mal von ihr hier berichtet. Und geschrieben, dass es sich so langsam einspielen würde, so dass auch mal wieder fünf Minuten Zeit übrig blieben, um etwas zu schreiben… Aha. Ich gebe es zu: neben dem, dass ich nicht den richtigen Dreh fand, war das dann wohl doch ein wenig zu optimistisch gedacht? Wenn ich an diesen Hund denke, weiss ich gar nicht, wo ich anfangen soll… Dieser Hund ist ein Kracher, der uns eigentlich immer auf Trab hält. Egal mit was…, sie zieht alles durch, gnadenlos. Und während wir dachten, dass die schlimmste Phase des Zuschnappens und der Willensbekundungen vorbei ist, fängt sie jetzt wieder von Vorne an. Apropos von Vorne: wo ist das eigentlich?

Lotte

Als wir sie übernahmen, ging Lotte mit dem Vorderbein lahm, denn als sie noch ein Welpe war, trat ihr beim Vor-Vorbesitzer (!) ein 95 kg – Mann auf den Lauf. Das hatte sie gut auskuriert und davon ist nichts geblieben. Vor ca. 7 – 8 Wochen fing sie dann an, Hinten zu lahmen. Der 1. Besuch beim Tierarzt erbrachte den Rat, abzuwarten und den Hund ruhig zu halten. Es trat keine Besserung ein. Der 2. Tierarztbesuch ergab das Gleiche. Diesen Hund ruhig zu halten ist allerdings vergleichbar mit der Aufgabe, einen Ameisenstaat daran zu hindern, seine Arbeit zu verrichten. Das Lahmen wurde immer schlimmer, der Hund immer schiefer.

Wir suchten einen anderen Tierarzt auf. Dieser stellte fest, dass das Knie derweilen leicht entzündet ist. Er wollte den Hund direkt in eine Klinik überweisen und in ein MRT stecken. Bis dato hatte ich allerdings noch nicht einmal Röntgenbilder, obwohl ich stets darum bat, da ich ausschließen wollte, dass sie irgendwelche Knochenabsplitterungen o.ä. hat. Wir wurden mit Schmerzmittel für Lotte versorgt und sollten Kontakt zur Klinik aufnehmen. Meinem Wunsch, doch bitte erstmal den Hund zu röntgen, konnte auch hier nicht nachgekommen werden. Das wäre ja viel zu spontan und röntgen ginge nur mit vorheriger Planung und nach Termin. Man muss dazu sagen, dass ich keine wertvollen HD-Aufnahmen für eine Zuchtzulassung haben wollte, dementsprechend auch nicht den Hund unter Narkose röntgen lassen wollte, zumal Lotte gut „lang zu ziehen“ ist und auch lange genug für eine Aufnahme still hält. Doch statt dieses durchzuziehen, sollten wir den Hund jetzt in eine Klinik bringen, unter Narkose setzen und mit Kontrastmittel ins MRT stecken? Hm…, hier konnten wir auch nichts mehr erreichen und wurden rauskomplimentiert. Das war´s.

Derweilen waren einige Wochen und Tierarztbesuche vergangen, ohne dass wir weitergekommen waren. Lotte hoppelte schon mehr, als dass sie lief, die Muskeln hatten sich einseitig abgebaut und sie zog das Bein mehr hoch, als dass sie es einsetzte. Die Faxen endgültig dicke, bestand ich beim nächsten Besuch unseres eigentlichen Tierarztes auf Röntgenbilder. Nachdem wir massiv wurden, bestätigte dieser nach seinem ständigen „Abwarten und Hund-ruhig-halten“, dass ich recht hätte und ein so junger Hund SO auf keinen Fall laufen dürfe und jetzt ganz schnell gehandelt werden müsse. Aha? Die Röntgenaufnahmen zeigten zwar eine nicht ganz so schöne Hüfte, war aber ansonsten ohne Befund – was gut war.

Ich suchte eine Osteophatin, was hier im Eck schon schwer genug ist. Als wir Lotte dort vorstellten, fand sie sofort drei Triggerpunkte: Knie, Meniskus und Kreuzband. Sie empfahl uns einen Spezialisten, von dem sie das gerne noch einmal abgeklärt haben wollte und so machte sie einen Termin für uns. Lotte und ich unternahmen eine wahre Serpentinen – Abenteuerreise, um schließlich in einer Freakshow zu landen!

Als Spezialist hatte er es wohl noch nicht einmal nötig, eine Gangbildanalyse zu machen. Stattdessen begrüßte er uns mit den Worten: „Ach, da kommt ja ein langwieriger Kniepatient, hinten links, richtig?!“ Nachdem er genau das tat, was auch andere Tierärzte vor ihm taten, nämlich die Gelenke abtasten und durchbewegen, reagierte Lotte beim sogenannten „Schubladentest“ sehr schmerzhaft. Er teilte mit, dass der Meniskus ok sei, das Kreuzband auch nicht gerissen, aber evtl. beschädigt. Er würde den Hund operieren wollen, um rein zu schauen und zu gucken, was da nicht stimmte und darüber hinaus müsse ich mich auf eine Folgeoperation bei ihr einstellen. Eine eigentliche Kreuzband-OP könne man nämlich bei ihr noch nicht durchführen, da sie noch zu jung und die Wachstumsfugen zu breit seien. Dass eine Kreuzband-OP anstehen würde, obwohl dieses gar nicht gerissen ist, fand ich durchaus merkwürdig. Auf meine Frage, ob er jetzt auf bloßen Verdacht hin den Hund operieren wolle, wo er doch gar nicht weiss, was eigentlich wirklich ist, meinte er, dass das notwendig sei, er würde dann die Erstversorgung vornehmen und gleich mal schauen, ob eine OCD ( = Osteochondrosis dissecans, eine Knochen- / Gelenkserkrankung beim Hund, vorwiegend bei mittelgroßen bis großen Hunden) vorliege (wovon er aber selbst nicht ausging). Das Ganze ging noch eine Weile hin und her und ich stand wie paralysiert und irgendwann einfach nur noch erschöpft vor dem Behandlungstisch, nachdem er mir noch mitteilte, dass für ihn bei diesem Hund nur eine TPLO-OP in Frage käme. Nachdem ich merkte, dass es dort kein links und rechts gab für ihn und ich meine Zweifel anbrachte, da Lotte seit zwei Tagen wieder anfing, aufzufußen und das Bein zu belasten und ich darüber hinaus nicht wüsste, wie ich diesen Hund 3 Monate ohne Folgeschaden in eine Box sperren sollte (sein Kommentar: Hund in die Box, Handtuch rüber, ins Nachbarzimmer stellen und sich nicht dran stören) und dann noch zwei Monate zur Physio bringe, um dann von Vorne anzufangen, dieses aber nicht wirklich ankam, verließ ich die Praxis. Ich fuhr nach Hause, schnappte mir auch Marie und wir gingen erstmal in den Park. Während dieses Spaziergangs entschied ich mich gegen diese beiden OPs – zumal Lotte das Bein wieder benutzte.

Ich telefonierte später noch mit der Osteopathin. Ich wollte ihr mitteilen, dass ich gegen diese OPs sei, sehrwohl aber eigentlich weiter mit ihr zusammenarbeiten wollen würde. Sie hatte durchaus Verständnis für meine Bedenken, drängte aber schon drauf, den Rat des Tierarztes zu befolgen und den Hund operieren zu lassen. Auch hier kam ich nicht wirklich weiter, irgendwann war ich einfach nur noch „durch“. Darüber hinaus nahm das irgendwie eine Eigendynamik an, die mir ganz und gar nicht gefiel. Es war zwar nett, dass sie für uns den Termin abgesprochen hatte, dass aber die Praxishelferin eigenständig bei ihr anrief, um ihr von unserem Besuch samt Ergebnis aus Sicht des Arztes zu erzählen und sie wiederum mit der Praxis den OP- und Behandlungsplan besprechen wollte, gab mir durchaus das Gefühl, dass mir meine Entscheidungen abgenommen werden sollten und andere über meinen Hund entscheiden würden?! Ich entschied mich gegen diesen Weg! Lotte läuft zwar noch immer nicht schön, aber sie fängt an, das Bein wieder einzusetzen und in den normalen Bewegungsablauf hinein zu kommen.

Je länger ich über all das nachdachte, desto schräger erschien mir diese ganze Aktion des Tierarztes. Ich werde mich hier jetzt nicht in Gedankengängen und Spekulationen verlieren, nur soviel: für mich war es die richtige Entscheidung, diesen Wahnsinn nicht weiter zu verfolgen!

Und während Lotte weiter regeneriert, setze ich mich gerade mit einer äußerst interessanten Behandlung auseinander: der V-PET Thrombozytentherapie.

Lotte

Als würde das nicht alles schon reichen, so zog sich Lotte auch noch eine Vergiftung zu. Wir waren am Abend auf Runde, Lotte hatte sich an einem menschlichen Kothaufen genüsslich getan (urgs!). Ca. 1 Std. später fing sie an zu schwanken, als wäre sie betrunken. Ich nahm sie mit in den Flur, woraufhin sie jede Berührung meinerseits mit einem Angriff ihrerseits abwehrte. Und diese meinte sie durchaus ernst, mit knurren, Nackenhaare aufstellen und in den Unterarm beissen. Ich schickte sie in den Garten, hatte gemeint, sie solle sich dort abreagieren. Lotte rannte 3 x im Kreis um mich herum wie auf Speed und wieder rein – spätestens da wusste ich, dass es ernst war, denn dieser Hund geht nicht freiwillig wieder rein um sich hinzulegen. Der ganze Hund schwankte, die Augen flimmerten, sie war nicht wirklich ansprechbar und zeigte offensichtliche Vergiftungserscheinungen. Meine Panik stieg, denn ich hatte kein Auto vor der Tür, wusste nicht, wo ich mit dem Hund hinsollte und Taxis nehmen hier keine Hunde mit – schon gar nicht solch aggressive und wir steuerten schon auf Mitternacht zu. Vor meinen Augen sah ich schon neurologische Ausfälle, epileptische Anfälle und Kreislaufversagen. Aber Lotte legte sich hin. Jedes Mal, wenn sie den Kopf hob, schien sie Karussell zu fahren. Irgendwann legte sich sich flach auf die Seite auf den Teppich und fing an zu schnarchen wie ein Berber! Sie atmete tief und ruhig, ich konnte Herzschlag und Schleimhäute kontrollieren, alles im grünen Bereich. Ca. 3 Stunden später wechselte sie das Zimmer, noch immer schwankend, aber sie legte sich sofort wieder hin. Morgens um 6 Uhr war der Spuk dann vorbei. Lotte war wieder im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte und begrüße mich gut gelaunt, als sei nichts gewesen – Glück gehabt und ein Hoch auf diesen kleinen zähen Hund!

Da ich ausschließen konnte, dass sie an diesem Tag nichts unbekanntes – mit Ausnahme des menschlichen Kots – gefressen oder gesoffen hat, gehe ich davon aus, dass in diesem Kot Toxine enthalten waren, eine ausreichende Menge Drogen, um meinen Hund in diesen Zustand zu versetzen. Was für eine Horrorshow!

Hallelulja!

[Buch] Der klare Blick

 

[Buch] Der klare Blick

Stephan Harbort hat mit Der klare Blick – Mit dem Wissen des Profilers Lügen entlarven und richtige Entscheidungen treffen – dieses Mal ein etwas anderes Buch vorgelegt. Es unterscheidet sich dahingehend, als dass der Autor und führende Serienmordexperte neben den für ihn typischen Aufarbeitungen und Falldarstellungen, den Leser in die Methodik der operativen Fallanalyse einführt. Der Leser erhält so nicht nur kleine Einblicke in die Arbeit eines Profilers, sondern bekommt darüber hinaus ein Werkzeug an die Hand, welches ihm dabei hilft, „nüchtern und abwägend die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Die meisten Menschen verfügen über eine sogenannte „Alltagspsychologie„. Aufgrund unserer Erfahrungen, Einstellungen, etc. hilft sie dabei, uns im Leben zurecht zu finden, auf neue Situationen einzustellen und Entscheidungen zu treffen. Entgegen der wissenschaftlichen Psychologie, werden die jeweils aufgestellten Hypothesen allerdings nicht hinreichend geprüft, vielmehr entscheiden, be- und verurteilen wir rein intuitiv. So sehr uns diese Alltagspsychologie mit ihrer innewohnenden Geschwindigkeit durchaus im Leben hilft, so schnell kann sie allerdings auch zu vorschnellen Schlüssen und Entscheidungen führen. Es macht also durchaus Sinn, an der einen oder anderen Stelle das eigene Konzept zu durchbrechen und den Blick für die Gesamtheit der Situation zu schulen. Nicht immer ist das vermeintlich Offensichtliche auch das Wesentliche…

Aufgeteilt ist dieses Buch in sechs Kapitel. Allen voran ist ein Fallbeispiel aus der Arbeit des Autors gestellt. Anhand von Alltagsbeispielen (aus Familie, Ehe und Beruf) wird sich lebhaft vorgetastet, nach und nach die eigene Wahrnehmung geschärft und die Methodik gelehrt. Entsprechende Checklisten als Handlungsanleitung runden die jeweiligen Kapitel ab und helfen bei der Orientierung.

Der klare Blick ist flüssig zu lesen und durch die vom Autor gewählte Ausdrucksform auch leicht verständlich für interessierte Leser, die zuvor wenig Berührungspunkte mit dem Thema insgesamt hatten.

Und aller Thematik zum Trotz ist das Buch durchaus auch unterhaltsam:

Es ist im vorliegenden Fall von einer durchaus imponierenden Stressresistenz auszugehen.
Dieses Verhaltensmuster erscheint insgesamt deutlich infantil eingefärbt.

 

Wahrscheinlich wirken diese Sätze nicht halb so komisch, wie ich sie empfand, wenn das entsprechende Gedankenkino nicht dabei ist… In dieser Szene ging es um eine große Sauerei, welches die beiden Kinder – oder vielleicht auch die Katze – auf dem Wohnzimmertisch hinterlassen hatten. Bei der alltäglichen Fallbearbeitung war der Profiler bei der Sequenzanalyse angekommen, um den Täter zu entlarven. Und während ich mich innerlich schäumend, mürrisch und völligst genervt der Sauerei angenommen und in der Situation globalgalactische Schimpf- und Beschuldigungstiraden losgelassen hätte, bringt es Herr Harbort mal eben trocken auf den Punkt… Ich muss immernoch lachen, zumal ich zum Zeitpunkt des Lesens selbst aufgrund meines bevorstehenden Krankenhausaufenthaltes sehr unter Druck stand, demnach hätte ich in diesem Fall auch nicht so ruhig auf Spurensuche, bzw. in die Analayse gehen können. Egal…, ich schweife ab, aber dennoch oder auch umso mehr danke ich dem Autor für diese wunderbaren Sätze samt eigenem Kopfkino!

 

Der klare Blick – Mit dem Wissen des Profilers Lügen entlarven und richtige Entscheidungen treffen – von Stephan Harbort, erschienen März 2016 im Knaur Verlag, 288 Seiten, ISBN: 978-3-426-78762-5

[Buch] Ein möglicher Ort

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ (P. Watzlawick) – Konstruktivismus oder doch Psychose?

Der Autor Staphan Kaluza perforiert mit seinen Worten und Sätzen die Membran zwischen Wirklichkeit, Gedanken und Wahn. Irgendwann ist sie so zerstört und durchlässig, dass nichts mehr so ist, wie es scheint, man es erwarten würde oder sich wünscht. Ein Roman, welcher nicht nur unangenehm, sondern auch anstrengend ist.

[Buch] Ein möglicher Ort

Der Protagonist Yann verbringt als Fotokünstler und Paradiessucher viel Zeit alleine an seinem Schreibtisch. Mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms versucht er, die perfekte Idylle zu erschaffen. Da diese für ihn nur ohne jeglichen Menschen existieren kann, schneidet und retuschiert er gnadenlos alle heraus – insbesondere seine Ex-Freundin, nachdem die Beziehung gescheitert ist.

Eines Tages erhält Yann den Auftrag, für eine großangelegte Werbung eines Konzerns, im brasilianischen Regenwald die Rotschwanzamazone in freier Wildbahn zu fotografieren. Und wenn Yann schon nach Brasilien reist, dann kann er für seinen Freund Richard und dessen neues Projekt auch direkt den einflussreichen Autor Salvator Santos treffen und von ihm ein Foto machen. Alles war abgemacht und Yann begibt sich auf die Reise. Nicht nur, dass das Treffen mit Salvator Santos sehr eigenartig und verstörend verlief, so lernt Yann zu allem Überfluss auch noch Julie kennen. Als die beiden schließlich im Regenwald auf sich selbst gestellt sind, stößt Yann nicht nur an seine eigenen Grenzen, sondern vielmehr wird auf dieser Reise seine gesamte Existenz in Frage gestellt. Wessen Protagonist ist er eigentlich?

Die Idee und das Konzept des Autors, mit Realität, Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wahn zu spielen, fand bei mir durchaus Anklang. Allerdings geht es für den Leser ohne Vorwarnung direkt „in die Vollen“. Allzu schnell hebt der Autor dabei dermaßen die Grenzen auf, dass es nicht nur verwirrend, sondern durchaus auch anstrengend ist, der Story zu folgen, bzw. dem zu folgen, was man da eigentlich gerade liest. Ich habe zwei Ansätze gebraucht, um diesen Roman zu lesen. Beim ersten Mal brach ich nach der Hälfte ab, weil er mich nur noch nervte. Beim zweiten Mal las ich ihn durch. Dieses Buch ist nur allzu schwer in Worte zu fassen. Bei der Umsetzung der Idee kam ich selbst an meine Grenze. Zu lang die zusammenfassenden Textanteile, die irgendwann nur noch in ein „Wirrwarr“ zu führen scheinen. Zu kurz die Passagen, bei dem der Leser überhaupt eine Chance bekommt, dem Ganzen folgen zu können. Am Ende war es für mich ein bisschen so wie: „Treffen sich zwei Psychotiker, die von einem Psychopathen gelenkt werden.“

Diesen Roman kann man sicherlich auf verschiedenen Ebenen lesen…, was schon die durchaus aufwendigere Gestaltung des Buches erahnen lässt. Und vielleicht versteht man ihn besser, wenn man einen Blick auf den Autor wirft, denn Stephan Kaluza selbst ist Foto- und Performancekünstler, Maler, Theaterautor und Dozent für Regie am Mozarteum in Salzburg.

Ein möglicher Ort von Stephan Kaluza, erschienen 2015 bei der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, 320 Seiten, ISBN: 978-3-627-00222-0

[Buch] Der Cop

 

[Buch] Der Cop von Ryan David Jahn

Titel und Cover verraten schon, dass es sich bei Der Cop um einen Thriller handelt. Genauso ist die eigentliche Storyline denkbar einfach: Gut jagt Böse. Dieser Thriller beinhaltet dabei allerdings so viele gute und rasante Wendungen, dass er bis zur letzten Seite spannend bleibt.

Ian Hunds Tochter Maggie wurde aus ihrem Kinderzimmer entführt. Sieben Jahre ist das her und da seitdem jede Spur fehlte, wurde sie vor vier Monaten für tot erklärt und der Sarg ohne Leichnam beigesetzt. Doch dann klingelt Ians Telefon auf der Wache und am Ende der Leitung bittet seine Tochter Maggie um Hilfe. Kurz nachdem sie vage Angaben zu ihrem Entführer machen konnte, bricht die Verbindung ab. Ian, der die ganze Zeit nicht an Maggies Tod geglaubt hatte, nimmt die Verfolgung auf.

So weit, so durchschaubar. Die ersten 50 Seiten gehen noch in einem gemäßigten Tempo voran. Doch dann nimmt die Geschwindigkeit der Story zu und ehe sich der Leser versieht, befindet er sich mittendrin in einer sowas von schnellen Abfolge von Ereignissen, dass es nahezu unmöglich wird, von dem Buch abzulassen. Dabei baut R. D. Jahn tatsächlich sehr gute, teilweise überraschende Wendungen ein, so dass die Jagd spannend bleibt und er das Ende nicht direkt verrät. Der Autor hält den Spannungsbogen geschickt und lange hoch. Er fesselt den Leser, ohne ihn zu verwirren. Sehr gelungen!

Der Thriller ist aus gutem Grund im Hayne | Hardcore erschienen, denn die beschriebenen Szenen der Schusswechsel und das anschließende Aussehen der Körper lassen Bilder im Kopf entstehen, die was für Fans der etwas blutigeren und detaillierteren Darstellung von Körperfragmenten sind.

Einziger Kritikpunkt könnte sein, dass sich auf den ersten Seiten ein paar Sätze wiederholen. Doch dieses erklärt sich später durch die Anmerkung des Autors, dass der Thriller um ca. 50 Seiten gekürzt wurde und ich denke, dadurch kam es zu dem etwas „holprigen“ Start. Dieses wird aber durch den weiteren, sehr rasanten Verlauf mehr als wieder gut gemacht.

»Spannend bis zu letzten Patrone«, verspricht der Stern mit einem Satz auf dem Cover. »Stimmt!«, sage ich.

Der Autor R. D. Jahn verließ bereits mit 16 Jahren die Schule und arbeitete in einem Plattenladen. Seit 2004 arbeitet er als Drehbuchautor. Sein Debütroman „Akt der Gewalt“ wurde mit dem Debüt Dagger Award ausgezeichnet.

Der Cop von Ryan David Jahn (übersetzt von Ulrich Thiele) erschien 2014 beim Heyne-Hardcore-Verlag, 336 Seiten, ISBN: 978-3-453-43640-4

[Sach-Buch] Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft

 

[Sach-Buch] Denken - Wie das Gehirn Bewusstsein schafft

Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete versuchen schon seit Jahren, hinter das „Geheimnis“ von Gehirn und Bewusstsein zu kommen. Aufgrund der verschiedenartigen Strömungen, liegt bis heute keine einheitliche Definition zum Bewusstsein vor.

Stanislas Dehaene ist Neurowissenschaftler. Sein Schwerpunk liegt in der numerischen Kognition und in der „Theorie der neuronalen Korrelate des Bewusstseins“. Er gilt als weltweit führend und zählt zu den einflussreichsten Forschern in der Kognitionswissenschaft. Mit seinem hier vorliegenden Buch gibt Dehaene einen Überblick zum aktuellen Stand der Bewusstseinsforschung.

In sieben Kapiteln zeichnet der Autor detailliert die Strategie nach, „[…]die ein philosophisches Mysterium in ein Laborphänomen verwandelt hat.“. (S. 17)

In seinem Buch Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft führt Dehaene den Leser an die unterschiedlichen Stadien des Bewusstseins heran. Noch immer ist dieses Gebiet zu groß und zu unerforscht, als dass es ein allumfassenden Werk geben könnte. Obwohl Dehaene zwischendurch Teile aus der Philosophie und der Psychologie benennt, vernachlässigt er diese weitestgehend. Gemäß seines Fachbereiches, konzentriert sich Dehaene in seiner Arbeit hauptsächlich auf die Mess- und somit Nachweisbarkeit (z.B. durch bildgebende Verfahren), um so einen relativ deutlich erkennbaren Teilaspekt des Bewusstseins darzustellen.

Dabei bezieht sich Dehaene auf die Theorie des globalen Arbeitsraums (Baars, B. (1986): A cognitive theorie of consciousness, NY: Guilford Press), in der davon ausgegangen wird, dass weite Teile in der Informationsverarbeitung vor- und unterbewusst ablaufen, ehe sie im „globalen Arbeitsraum“ bewusst werden und somit weiteren kognitiven Prozessen zur Verfügung stehen.

Darauf aufbauend, entwickelt Dehaene eine neue empirische Theorie über die Wahrnehmung und das Denken. Er zeigt anhand von Studien und Versuchsergebnissen, welche messbaren Spuren / Signaturen im Gehirn vorhanden sind um deutlich zu machen, auf welche Art und Weise Bewusstsein im Gehirn überhaupt entsteht und wie es durchaus auch manipuliert werden kann. Des Weiteren beschäftigt er sich damit, wie dieses gewonnene Wissen im Kontext Koma-Patienten eingesetzt werden kann oder welches Bewusstsein Säuglinge haben.

Sicherlich streitbar sind seine kleinen Ausführungen und Erklärungsversuche zum Erkrankungsbild der Schizophrenie am Ende des Buches und der Ausblick auf die künstliche Intelligenz. Aus seiner Sicht absolut nachvollziehbar, stellt sich dennoch die Frage, ob alles alleine durch diese Theorie erklärbar ist?

Dieses Buch kann nicht das gesamte Feld beleuchten und kann auch keine allumfassende Erklärung / Antwort zur Frage „Was ist Bewusstsein?“ geben, dafür ist der Bereich zu groß und es bedarf weiterer Forschung. Aber es bietet in seinem Teilbereich einen Überblick, wichtige Informationen und Erkenntnisse. Es ist durchaus ein wirklich sehr guter Beitrag zur weiteren (Bewusstseins-)Diskussion.

Wie bei derlei Publikationen üblich, wird hier ein wenig Vorwissen vorausgesetzt und ist sicherlich auch sinnvoll. Dennoch wird dem interessierten und wirklich geneigten Leser (auch als Laie) der Zugang zu diesem spannenden Feld nicht verwehrt bleiben, zumal es sehr flüssig geschrieben ist. Selbstverständlich finden sich am Ende umfangreiche Ausführungen zu den Anmerkungen, Nachweise zur Literatur und den Abbildungen, sowie ein entsprechendes Register.

Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft“ von Stanislas Dehaene (übersetzt aus dem Englischen von Helmut Reuter), erschienen 2014 im Knaus Verlag, 480 Seiten, inkl. s/w – Abbildungen, ISBN: 978-3-8135-0420-0

Bücher und Menschen


Bücher und Menschen...

… man muss sie zur rechten Zeit treffen!

Während eines Cuxhavenaufenthaltes im Frühjahr, lernte ich zwei wundervolle Menschen kennen. Wir sahen und verstanden uns und ich würde sagen, daraus hat sich sofort eine Verbundenheit auf einer ganz besonderen Ebene entwickelt.

Irgendwann während des Kennenlernens, erwähnte ich P. gegenüber, dass ich mal eine Tour mit meinem Hund geplant hatte (Von Dortmund nach Cuxhaven – zu Fuss). Und „schwupp“, hatte ich von ihm ein Buch in die Hand gedrückt bekommen:

Deutschland umsonst – Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“ von Michael Holzach.

Das Buch ist völlig vergilbt, die Seiten schon angelaufen, das Cover zerschlissen und geknickt. Das Exemplar, welches ich in der Hand halte, ist bereits 30 Jahre alt. Der Inhalt selbst noch älter – 1982 ist es erstmals erschienen. Damals ist es wohl schnell zum Kultbuch avanciert. Mir selbst ist der Status des Buches egal – ich liebe es! Es kam genau richtig und mir ist es auch egal, dass hier noch so drei oder vier Bücher darauf warten, erwähnt zu werden, da ich sie schon längst ausgelesen habe. Dieses Buch hat genau hier und jetzt seinen Platz und seine Zeit gefunden und verdient!

Während sich draußen in der Welt die Menschen aufregen, ich selbst einem Nervenzusammenbruch bei meinen ganzen Arztterminen (bei und mit denen es ja nie so läuft wie es sollte) immer näher komme, bin ich gestern mit diesem Buch einfach mal abgetaucht und habe allem und allen mal gepflegt meinen Mittelfinger gezeigt.

Michael Holzach ging zu Fuß und ohne Geld einmal durch Deutschland. Am ersten Tag holte er seinen künftigen vierbeinigen Wegbegleiter Feldmann aus dem Tierheim ab und startete in Hamburg. Und Dank seines Reiseberichtes konnte ich ihn begleiten. Mit seinem Buch gab er mir genau das, was ich in dem Moment brauchte. Und er tat genau das, was ich mich wohl nie trauen werde: er ist einfach losgegangen, ohne irgendwas im Vorfeld zu planen. Mit einfachen Sätzen schildert Holzach seine Tour. Er erzählt von seinen Begegnungen, wie er in Scheunen übernachtete, wie er aus Versehen zum Doppelagenten bei einer Nato-Übung wurde, wie er sich was zum Essen organisierte, aber auch von seiner Scham, die es ab und an zu überwinden galt. Von der ablehnenden Haltung im Wohlstandsland, argwöhnischen Menschen – kurzum: er ist zum Tippelbruder geworden. Sechs Monate auf den Landstraßen und quer durch die Städte war er unterwegs.

Unter anderem führte ihn sein Weg durch Dortmund. Holzach ist an der Emscher (einem Fluss) entlang gelaufen. Diese führte ihn nach Aplerbeck. Genauer zur psychiatrischen Klinik, die im gesamten Ruhrgebiet bekannt ist. Noch heute sagt man hier einfach „Aplerbeck“, als Synonym dafür, wenn man meint, der andere wäre „nicht ganz dicht im Oberstübchen“. Das wird sich wohl auch nicht ändern, hier im Pott.

Da mich gestern dieses Buch überall hin begleitete, saß ich nun also bei meinem Zahnarzt erneut im Wartezimmer und schlug es auf. Auf Seite 117 war ich „stehen geblieben“. Die ersten beiden Worte, die ich las waren „Dortmund – Huckarde“. Oh ha, das war schon fast unheimlich, wobei es genau genommen aber eigentlich mein Gefühl für dieses Buch bestätigte. Der Ort, an dem ich mich gerade befand, exakt in dem Moment, als ich die ersten beiden Worte las war: „Dortmund – Huckarde“. Derlei Momente gab es einige für mich in diesem Buch – unglaublich!

Und während Holzach von seiner Emscher-Wanderung schreibt, schießt mir ein längst vergessener Name durch mein Kopf: Herr K.. Herrn K. hatte ich vor vielen Jahren hier im Park kennengelernt. Wir begegneten uns häufiger mit unseren Hunden und kamen ins Gespräch. Damals war ich nur noch genervt von dieser Deutschen Großstadt und fühlte mich hier gar nicht wohl. Genau genommen hatte ich sogar Fluchtgedanken, aber stattdessen dehnte ich meinen Frust einfach auf die gesamte Menschheit aus. Eines lieben Tages also, sprachen Herr K. und ich miteinander und völlig unreflektiert meinte ich zu ihm: „Ich mag die Menschen nicht.“, Herr K. erwiderte nur, dass das aber nicht sein könne und lud mich kurzerhand zum Frühstück ein. Schnell Brötchen besorgt und während ich noch Einwände stammelte, vonwegen, dass wir seine Frau doch nicht einfach mit mir als Gast überfallen können, und er nur meinte, dass sie schon immer ein recht offenes Haus gehabt hätten und sich seine Frau schon nicht wundern würde, fand ich mich an deren Tisch wieder. Fortan freute ich mich, wenn ich sie traf. Herr K. hatte sich auch viel mit der Emscher beschäftigt. Sogar mal ein Buch über diesen Nebenfluss herausgebracht. Und da ich mich zu erinnern meinte, dass er mir damals ein Exemplar davon gab, kam es, dass ich am Abend meine Bücherregale nach genau diesem Buch durchsuchte. Längst hatte ich es vergessen geglaubt. Aber wiedergefunden habe ich es leider nicht. Schade. Jetzt hätte ich es gelesen! Herr K. verstarb plötzlich und schnell an einem Herzinfarkt eines morgens, ich hatte seine Frau am nächsten Tag im Arm gehalten bei meinem hilflosen Versuch, sie zu trösten.

Gestern Abend googlete ich noch ein wenig nach weiteren Informationen. Unter anderem fand ich eine Rezension, die dieses Buch sehr politisch erläuterte. Der Gedanke daran, dass selbst dem Autoren manch eine politische Diskussion in diesem einen Moment herzlich egal war, in dem er Hunger litt oder einen Schlafplatz benötigte, beruhigte mich ein wenig. Denn offen gesagt: die Frage, ob und wieviel sich verändert hat in diesem sog. Wohlstandsland, würde ich jetzt gerade nicht diskutieren wollen. Ein anderer Leser schrieb, dass er dieses Buch zwar nett fand, es aber bestimmt nicht zum „Kultbuch“ erheben wollen würde. Ich sag mal so: 30 Jahre später habe ich dieses Buch in die Hand genommen und gelesen. Es hat einiges in mir losgelöst und ich hätte noch ewiglich weiter lesen wollen. Wenn man das so schreiben kann, dann fühle ich mich diesem Buch verbunden. Und an dieser Stelle will und muss ich nicht objektiv sein. Damals ist es an mir vorbei gezogen, jetzt ist es da (Danke an M. und P. aus E.) und ich bin froh, dass ich es gelesen habe! Darüber hinaus finde ich es schade, dass ich so ein verdammter Schisser bin, um nicht selbst in irgendeiner Form einfach mal zu MACHEN und loszuziehen, statt immer nur darüber nachzudenken.

Es war nicht das erste Mal, dass Holzach loszog. So hat er schon einmal ein Jahr lang bei den deutschen Hutterern in Kanada gelebt und darüber geschrieben: Das vergessene Volk – Ein Jahr bei den deutschen Hutterern in Kanada.

Es folgte u.a. das hier vorliegende Buch. Dieses wird ab September ´15 wieder zu erwerben sein beim Hoffmann und Campe Verlag.

Holzach wurde 1947 geboren, studierte Sozialwissenschaften, war Reporter bei der ZEIT und seit 1978 freier Schriftsteller. 1983 verunglücklichte er in Dortmund tödlich, bei dem Versuch, seinen Hund Feldmann aus dem Kanal zu retten. Feldmann überlebte.

[Buch] Baba Jaga


[Buch] Baba Jaga von Toby Barlow

Baba Jaga sind in der slawischen Mythologie Märchengestalten. In seinem gleichnamigen Roman erzählt der Autor Toby Barlow eine skurrile und rasante Geschichte.

Da ist Will, der augenscheinlich in einer Werbefirma arbeitet, diese aber eigentlich als Briefkastenfirma der CIA fungiert. Will ist sehr großzügig bei der Herausgabe wichtiger Informationen, so dass er mehr und mehr in den Strudel der Spionage und in die eine oder andere prekäre Situation gerät.
Dann sind da noch die beiden russischen Hexen: die wunderschöne Zoja, die die Männer betört und sich damit seit Jahrhunderten ihren Lebensunterhalt sichert. Wird Zoja ihrer überdrüssig, entledigt sie sich kurzerhand der Männer und bringt sie wenig Aufsehen erregend um. Doch dieses Mal ist irgendwas schief gelaufen und ihr letzter jahrelanger Begleiter hängt sehr auffällig mit dem Kopf aufgespießt am Zaun. Sie flüchtet sich zunächst zur alten Elga, der verbitterten alten Hexe, die daraufhin ihrerseits genug von Zoja hat und sie ebenso beseitigen will.
Der Polizist Vidot kommt bei den Ermittlungen zum Fall „Mann am Zaun hängend“ den Hexen bedrohlich nahe, so dass Elga ihn in einen Floh verwandelt.
Hinzu kommen noch die Agenten der CIA, die sich in einschlägigen Etablissements die Klinke in die Hand geben und es wird mehr als rasant in der Geschwindigkeit der Ereignisse.
Dabei muss das Paris Ende der 50´er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Dorf gewesen sein, denn irgendwie begegnen sich alle stets und ständig und ihre Wege streifen sich auf die eine oder andere, manchmal recht spektakuläre Art und Weise… Und während Zoja und Will ihre Liebe füreinander entdecken und Vidot versucht sein Leben als Floh auf die Reihe zu bekommen, experimentiert ein anderer mit bahnbrechenden bewusstseinserweiternden Drogen, in denen sich neue Welten auftun.

Wenn man einige Gegebenheiten einfach mal so hinnimmt und sich nicht wundert oder hinterfragt, dann wird man als Leser dieser rasanten Story seinen Spaß haben.

Ehrlich gesagt war ich hin und her gerissen beim Lesen dieses Buches. Auf der einen Seite hatte ich meinen Spaß und fand die eine oder andere Stelle urkomisch und super geschrieben. Dann wiederum habe ich mich gewundert und ein wenig den Kopf geschüttelt. Es sind eine ganze Menge Personen und Gegebenheiten, die der Autor da zusammen fliessen lässt. Da kam es mir beim Wie manchmal ein wenig flach vor. Das sind so Momente, wo mir ein „Ja nee, is´ klar!“ durch den Kopf rauscht und meine Augenbraue nach oben geht. Vielleicht war es ein bisschen zu gut gemeint? Ein Zuviel an Komponenten, die es in der Story zu vereinen gilt? Nahezu genervt war ich sogar auch: von den Hexenliedern, die immer mal wieder in dem Buch auftauchen. In diesen Lieder verbergen sich noch zusätzliche Informationen zu den Hexen. Aber da sie nicht wirklich zum Verstehen gelesen werden mussten und sie für mich wirklich Drüber wirkten, bin ich sogar dazu übergegangen, sie zu überblättern. Eine für mich neue Erfahrung.

Aber selbst, wenn ich manchmal so durch die Handlung des Buches gestolpert bin und irgendwann tatsächlich dahin kam, es „einfach geschehen zu lassen und dran zu bleiben“, waren es genau diese Absätze, die mich lachen ließen:

War man schließlich schon einmal von einer rasenden russischen Sexbombe zu einer liebestollen lesbischen Doppelagentin durch die Straßen von Paris gehetzt, konnten Gartengrillpartys leicht ihren Reiz verlieren.

 

S. 291

Baba Jaga ist der zweite Roman des Autors Toby Barlow. Sein Debütroman Sharp Teeth brachte ihm mehrere Auszeichnungen ein. Barlow lebt Detroit und New York und arbeitet als Creative Director in einer Werbeagentur.

Baba Jaga von Toby Barlow (übersetzt von Giovanni und Ritte Bandini), erschienen 2014 beim Hoffmann und Campe Verlag | Atlantik Bücher, ISBN: 978-3-455-60000-1

[Buch] Tabu

 

[Buch] Tabu von Ferdinand von Schirach

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ fragte schon Paul Watzlawick. Nach Watzlawick ist Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation. Von Senden und Empfangen. Und den entsprechenden „Entschlüsselung-Codes“.

In der Lernpsychologie besagt die Kernthese des Konstruktivismus, dass Lernende im Lernprozess eine individuelle Repräsentation der Welt schaffen.

Unschwer zu erkennen: es gibt nicht diese eine Wirklichkeit, kann sie gar nicht geben. Vielmehr gibt es zahllose Wirklichkeitsauffassungen, Annäherungen.

Und wenn alle das gleiche glauben, ist es doch noch lange nicht die Wahrheit … oder?

Was ist dann wirklich wahr?

Wirklichkeit und Wahrheit sind für Schirachs Protagonisten zwei große Themen. Und somit sind wir bei seinem Roman Tabu:

 

Sebastian von Eschburg ist Synästhetiker und ein namenhafter Künstler. Mit seinen Fotografien und Videoinstallationen zeigt er, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. Er wächst in einem distanzierten Elternhaus auf und während seiner ersten Ferien vom Internat wird er Zeuge, wie sein Vater Suizid begeht. Eschburg wird im späteren Verlauf festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, eine junge Frau getötet zu haben.

Die Staatsanwältin Monika Lindau nimmt die Ermittlungen auf. Alles an diesem Fall erscheint merkwürdig. Zudem wird Landau zur Zeugin, wie der vernehmende Polizist unter Androhung von Folter dem Verdächtigen ein Geständnis entlockt. Sie macht einen entsprechenden Aktenvermerk.

Der Strafverteidiger Konrad Biegler übernimmt u.a. aufgrund Landaus Aktenvermerk die Verteidigung von Eschburg. Biegler begibt sich in Eschburgs Welt. Puzzleteile fügen sich zusammen… Es dauert lange, ehe alle Zuschauer den Gerichtssaal verlassen haben.

 

Getreu der dem Buch vorangestellten Farbenlehre nach Helmholtz, die besagt, dass Grün, Rot und Blau uns als Weiß erscheint, sobald sich das Licht der Farbe in gleicher Weise mischt, ist dieser Roman in eben diese Farben eingeteilt. Im letzten Teil, dem „Weiß“, raucht Eschburg eine Zigarette.

Dieses Buch ist wie eine Wand. Na ja, eigentlich ist es vielmehr so, als würde man dieses Buch vor einer Wand lesen. Man kann nicht drüber hinweg sehen, auch nicht links oder rechts daran vorbei. Hinter den Buchstaben befinden sich nur die Steine und der Mörtel. Mehr braucht es auch nicht.

Dieser Roman ist… anders. Und genau das ist es, was ihn so streitbar macht: mit wenigen, klaren und nüchternen Sätzen stellt der Autor eine große, weitreichende Inszenierung dar. Die einen loben Schirach in den Himmel, die anderen sagen, er könne gar nicht schreiben. Der Autor benutzt kein Wort zuviel, jede weitere Information würde sich als überflüssig erweisen. Das macht diesen Roman aus. Tabu beinhaltet nur die nötigsten Sätze.

Für mich einer der großartigsten Absätze:

Vor der Terrasse mähte ein Bauer die Wiese. Der Traktor war schön, aber sein Auspuff war defekt. Biegler glaubte, dass auch der Bauer defekt war – er mähte jeden Tag dasselbe Stück Wiese. Er probierte die Sache mit dem positiven Denken und grüßte den Bauern höflich. Der Bauer starrte ihn an. Biegler nickte zufrieden.

 

S. 152

Ich weiß nicht, ob man diesen Absatz nicht sogar schon als „mit großzügig vielen Worten ausgeschmückt“ bezeichnen könnte? Egal wie: ich mochte dieses Buch gerne lesen und empfand die „Andersartigkeit“ durchaus mal erleichternd. Wobei ich auch sagen muss, dass es mir zuviel wäre, direkt im Anschluss ein weiteres Buch zu lesen, welches in diesem minimalistischen Stil geschrieben ist.

Ferdinand von Schirach machte schon mehrfach von sich Reden. Er ist ein auf Strafrecht spezialisierter Rechtsanwalt und begann „erst“ im Alter von 45 Jahren, Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Seine Romane Der Fall Collini und Tabu wurden zu internationalen Bestsellern und Schirach wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. 1964 in München geboren, lebt er heute in Berlin.

Tabu von Ferdinand von Schirach, als Taschenbuch erschienen im März 2015 beim Piper Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-492-30520-4

[Buch] Lügen über meinen Vater

 

[Buch] Lügen über meinen Vater

Groß. Beeindruckend. Gewaltig.

John Burnside hat es wieder geschafft mich zu packen und wegzuschleppen. Diesmal auf einer ganz anderen Ebene…

Seine Romanbiografie Lügen über meinen Vater ist schwer zu beschreiben. Ich habe das Buch schon eine Weile durchgelesen und suche immernoch nach den richtigen, treffenden Worten. Es ist auf einer manchmal sehr harten, manchmal auf einer sehr subtilen Ebene stark, berührend, verstörend. Und doch auch Frieden schließend, so dass ich es nach dem Auslesen ohne Groll zur Seite legte. Aber es hat etwas (in und mit mir) angerichtet, denn es liegt weiterhin auf dem Tisch und ich schleiche drumherum, mir die Worte herausringend.

Eingangs schreibt der Autor:

Dieses Buch liest man am besten als ein Werk der Fiktion. Wäre mein Vater hier, um mit mir darüber zu reden, gäbe er mir bestimmt recht, wenn ich sagte, es sei ebenso wahr zu behaupten, dass ich nie einen Vater, wie dass er nie einen Sohn hatte.

 

Burnside beschreibt die Beziehung oder auch Nicht-Beziehung zu seinem Vater. Dieser ist ein Säufer, Grossmaul und seinen Kindern gegenüber ein alltäglicher Sadist. Er war ein Findelkind, wurde als Säugling einfach auf einer Türschwelle abgelegt. Zeitlebens erfand der Vater (Lügen-) Geschichten über seine Herkunft. Er will Anerkennung und als ein bedeutungsvoller Mensch wahrgenommen werden. Bei seinen Säuferkollegen in den diversen Pubs hat er es geschafft. In dem Haus der Familie zeigt er sich weiterhin als Tyrann, der mit seiner Verachtung alles zerstört.

Als Sohn versucht John seinen eigenen Weg zu finden. Er experimentiert mit Drogen, verliert sich in und mit ihnen, bis zum Exzess. Er landet gleich zwei Mal in der Psychiatrie.

Schließlich, fast unmerklich und ohne großes Getöse, kam mir der Gedanke, dass ich endlich unsichtbar geworden war.

 

Burnside, S. 337

Bis John es letztlich leid ist – sich selbst leid ist – sich aus der Psychiatrie entlässt und weiterzieht.

Selbst nach dem Tod seines Vaters kann er sich nicht wirklich von ihm befreien. Erkannte John ihn schon in seinen eigenen Exzessen wieder, wandert er auch darüber hinaus weiterhin in seinen Gedanken umher. Doch nicht zuletzt eröffnet ihm die Welt der Literatur eine neue Perspektive.

John Burnside hat hier ein abgrundtief ehrliches Erinnerungsbuch vorgelegt. Er versteht sein Handwerk und jeder Satz kommt mit einer authentischen Wucht daher, wie ihn nur einer schreiben kann, der viel durchgemacht, reflektiert und erkannt hat.

Jahrelang hat der Autor seinen Hass auf den Vater unter der Oberfläche versteckt, bis er sich mit diesem gewaltigen Werk „aufgeräumt“ zu haben scheint.

Dabei schreibt Burnside sehr unaufgeregt. Umso heftiger schlagen jedoch einige Sätze auf den Leser ein. Die ständigen Machtdemonstrationen und das Gefühl des Ausgeliefertseins sind deutlich spürbar. Er beschreibt seinen eigenen exzessiven Weg in den Abgrund mit kristallklaren und nachvollziehbaren Worten. Nicht sentimental, sondern geistreich. Einmal ins „Fegefeuerstadium“ und zurück.

John Burnside wurde 1955 in Schottland geboren. Für seine Bücher erhielt er ebenso viel Lob wie Kritik. Die hier zulande bekanntesten Romane Burnsides dürften „Glister“ und „In hellen Sommernächten“ sein. Schon sein Debütroman „Haus der Stummen“ begeisterte und beeindruckte mich. Genauso wie dieses Werk.

Die Originalausgabe erschien bereits 2006 unter dem Titel „A Lie About my Father“. 2011 erhielt er hierfür den Internationalen Literaturpreis Corine.

Lügen über meinen Vater von John Burnside (übersetzt von Bernhard Robben), als Taschenbuchausgabe im Dezember 2012 beim btb Verlag erschienen, 382 Seiten, ISBN: 978-3-442-74480-0

 

In eigener Sache: Auf Seite 184 schreibt Burnside über die Bilderreihe Scenes from the Passion des Künstlers Georg Shaw, welche ihn an Corby (einer Stadt in England) erinnerte. Shaw malte in Humbrol-Emaille auf Pappe.

Besonders zwei Werke benennt Burnside: The Middle of the Week, 2002 und The New Star.

Ich habe es mir nicht nehmen lassen, hier mal genauer nachzuschauen und bin von einigen Bildern schwer begeistert und total angetan!

Wer Lust hat, kann mal Georg Shaw, Scenes from The Passion: The Middle of The Week (2002) bei Google eingeben und auf die Bilder klicken.

Ich hänge mich jetzt mal aus dem Fenster und zeige Euch eines, was ich unglaublich genial finde und welches Burnside benannte:

[Buch] Lügen über meinen Vater

Georg Shaw. Scenes from the Passion: The Middle of the Week, 2001: Humbrol enamel on board. 77 x 101 cm [*1]

Ist das nicht einfach nur genial?! Ich kann mich nicht sattsehen…!

Weiterführende Links: scenesfromthepassion, Wilkinson Gallery

[*1] Das Bild fand ich unter anderem auf der Seite: scenesfromthepassion – Georg Shaw’s Tile Hill | An Unofficial Guide. Sollte das Einstellen des Bildes ein Problem darstellen, so bitte ich um eine kurze Nachricht und ich werde es umgehend wieder rausnehmen.