[Buch] Baba Jaga


[Buch] Baba Jaga von Toby Barlow

Baba Jaga sind in der slawischen Mythologie Märchengestalten. In seinem gleichnamigen Roman erzählt der Autor Toby Barlow eine skurrile und rasante Geschichte.

Da ist Will, der augenscheinlich in einer Werbefirma arbeitet, diese aber eigentlich als Briefkastenfirma der CIA fungiert. Will ist sehr großzügig bei der Herausgabe wichtiger Informationen, so dass er mehr und mehr in den Strudel der Spionage und in die eine oder andere prekäre Situation gerät.
Dann sind da noch die beiden russischen Hexen: die wunderschöne Zoja, die die Männer betört und sich damit seit Jahrhunderten ihren Lebensunterhalt sichert. Wird Zoja ihrer überdrüssig, entledigt sie sich kurzerhand der Männer und bringt sie wenig Aufsehen erregend um. Doch dieses Mal ist irgendwas schief gelaufen und ihr letzter jahrelanger Begleiter hängt sehr auffällig mit dem Kopf aufgespießt am Zaun. Sie flüchtet sich zunächst zur alten Elga, der verbitterten alten Hexe, die daraufhin ihrerseits genug von Zoja hat und sie ebenso beseitigen will.
Der Polizist Vidot kommt bei den Ermittlungen zum Fall „Mann am Zaun hängend“ den Hexen bedrohlich nahe, so dass Elga ihn in einen Floh verwandelt.
Hinzu kommen noch die Agenten der CIA, die sich in einschlägigen Etablissements die Klinke in die Hand geben und es wird mehr als rasant in der Geschwindigkeit der Ereignisse.
Dabei muss das Paris Ende der 50´er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Dorf gewesen sein, denn irgendwie begegnen sich alle stets und ständig und ihre Wege streifen sich auf die eine oder andere, manchmal recht spektakuläre Art und Weise… Und während Zoja und Will ihre Liebe füreinander entdecken und Vidot versucht sein Leben als Floh auf die Reihe zu bekommen, experimentiert ein anderer mit bahnbrechenden bewusstseinserweiternden Drogen, in denen sich neue Welten auftun.

Wenn man einige Gegebenheiten einfach mal so hinnimmt und sich nicht wundert oder hinterfragt, dann wird man als Leser dieser rasanten Story seinen Spaß haben.

Ehrlich gesagt war ich hin und her gerissen beim Lesen dieses Buches. Auf der einen Seite hatte ich meinen Spaß und fand die eine oder andere Stelle urkomisch und super geschrieben. Dann wiederum habe ich mich gewundert und ein wenig den Kopf geschüttelt. Es sind eine ganze Menge Personen und Gegebenheiten, die der Autor da zusammen fliessen lässt. Da kam es mir beim Wie manchmal ein wenig flach vor. Das sind so Momente, wo mir ein „Ja nee, is´ klar!“ durch den Kopf rauscht und meine Augenbraue nach oben geht. Vielleicht war es ein bisschen zu gut gemeint? Ein Zuviel an Komponenten, die es in der Story zu vereinen gilt? Nahezu genervt war ich sogar auch: von den Hexenliedern, die immer mal wieder in dem Buch auftauchen. In diesen Lieder verbergen sich noch zusätzliche Informationen zu den Hexen. Aber da sie nicht wirklich zum Verstehen gelesen werden mussten und sie für mich wirklich Drüber wirkten, bin ich sogar dazu übergegangen, sie zu überblättern. Eine für mich neue Erfahrung.

Aber selbst, wenn ich manchmal so durch die Handlung des Buches gestolpert bin und irgendwann tatsächlich dahin kam, es „einfach geschehen zu lassen und dran zu bleiben“, waren es genau diese Absätze, die mich lachen ließen:

War man schließlich schon einmal von einer rasenden russischen Sexbombe zu einer liebestollen lesbischen Doppelagentin durch die Straßen von Paris gehetzt, konnten Gartengrillpartys leicht ihren Reiz verlieren.

 

S. 291

Baba Jaga ist der zweite Roman des Autors Toby Barlow. Sein Debütroman Sharp Teeth brachte ihm mehrere Auszeichnungen ein. Barlow lebt Detroit und New York und arbeitet als Creative Director in einer Werbeagentur.

Baba Jaga von Toby Barlow (übersetzt von Giovanni und Ritte Bandini), erschienen 2014 beim Hoffmann und Campe Verlag | Atlantik Bücher, ISBN: 978-3-455-60000-1

[Buch] Tabu

 

[Buch] Tabu von Ferdinand von Schirach

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ fragte schon Paul Watzlawick. Nach Watzlawick ist Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation. Von Senden und Empfangen. Und den entsprechenden „Entschlüsselung-Codes“.

In der Lernpsychologie besagt die Kernthese des Konstruktivismus, dass Lernende im Lernprozess eine individuelle Repräsentation der Welt schaffen.

Unschwer zu erkennen: es gibt nicht diese eine Wirklichkeit, kann sie gar nicht geben. Vielmehr gibt es zahllose Wirklichkeitsauffassungen, Annäherungen.

Und wenn alle das gleiche glauben, ist es doch noch lange nicht die Wahrheit … oder?

Was ist dann wirklich wahr?

Wirklichkeit und Wahrheit sind für Schirachs Protagonisten zwei große Themen. Und somit sind wir bei seinem Roman Tabu:

 

Sebastian von Eschburg ist Synästhetiker und ein namenhafter Künstler. Mit seinen Fotografien und Videoinstallationen zeigt er, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. Er wächst in einem distanzierten Elternhaus auf und während seiner ersten Ferien vom Internat wird er Zeuge, wie sein Vater Suizid begeht. Eschburg wird im späteren Verlauf festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, eine junge Frau getötet zu haben.

Die Staatsanwältin Monika Lindau nimmt die Ermittlungen auf. Alles an diesem Fall erscheint merkwürdig. Zudem wird Landau zur Zeugin, wie der vernehmende Polizist unter Androhung von Folter dem Verdächtigen ein Geständnis entlockt. Sie macht einen entsprechenden Aktenvermerk.

Der Strafverteidiger Konrad Biegler übernimmt u.a. aufgrund Landaus Aktenvermerk die Verteidigung von Eschburg. Biegler begibt sich in Eschburgs Welt. Puzzleteile fügen sich zusammen… Es dauert lange, ehe alle Zuschauer den Gerichtssaal verlassen haben.

 

Getreu der dem Buch vorangestellten Farbenlehre nach Helmholtz, die besagt, dass Grün, Rot und Blau uns als Weiß erscheint, sobald sich das Licht der Farbe in gleicher Weise mischt, ist dieser Roman in eben diese Farben eingeteilt. Im letzten Teil, dem „Weiß“, raucht Eschburg eine Zigarette.

Dieses Buch ist wie eine Wand. Na ja, eigentlich ist es vielmehr so, als würde man dieses Buch vor einer Wand lesen. Man kann nicht drüber hinweg sehen, auch nicht links oder rechts daran vorbei. Hinter den Buchstaben befinden sich nur die Steine und der Mörtel. Mehr braucht es auch nicht.

Dieser Roman ist… anders. Und genau das ist es, was ihn so streitbar macht: mit wenigen, klaren und nüchternen Sätzen stellt der Autor eine große, weitreichende Inszenierung dar. Die einen loben Schirach in den Himmel, die anderen sagen, er könne gar nicht schreiben. Der Autor benutzt kein Wort zuviel, jede weitere Information würde sich als überflüssig erweisen. Das macht diesen Roman aus. Tabu beinhaltet nur die nötigsten Sätze.

Für mich einer der großartigsten Absätze:

Vor der Terrasse mähte ein Bauer die Wiese. Der Traktor war schön, aber sein Auspuff war defekt. Biegler glaubte, dass auch der Bauer defekt war – er mähte jeden Tag dasselbe Stück Wiese. Er probierte die Sache mit dem positiven Denken und grüßte den Bauern höflich. Der Bauer starrte ihn an. Biegler nickte zufrieden.

 

S. 152

Ich weiß nicht, ob man diesen Absatz nicht sogar schon als „mit großzügig vielen Worten ausgeschmückt“ bezeichnen könnte? Egal wie: ich mochte dieses Buch gerne lesen und empfand die „Andersartigkeit“ durchaus mal erleichternd. Wobei ich auch sagen muss, dass es mir zuviel wäre, direkt im Anschluss ein weiteres Buch zu lesen, welches in diesem minimalistischen Stil geschrieben ist.

Ferdinand von Schirach machte schon mehrfach von sich Reden. Er ist ein auf Strafrecht spezialisierter Rechtsanwalt und begann „erst“ im Alter von 45 Jahren, Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Seine Romane Der Fall Collini und Tabu wurden zu internationalen Bestsellern und Schirach wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. 1964 in München geboren, lebt er heute in Berlin.

Tabu von Ferdinand von Schirach, als Taschenbuch erschienen im März 2015 beim Piper Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-492-30520-4

[Buch] Lügen über meinen Vater

 

[Buch] Lügen über meinen Vater

Groß. Beeindruckend. Gewaltig.

John Burnside hat es wieder geschafft mich zu packen und wegzuschleppen. Diesmal auf einer ganz anderen Ebene…

Seine Romanbiografie Lügen über meinen Vater ist schwer zu beschreiben. Ich habe das Buch schon eine Weile durchgelesen und suche immernoch nach den richtigen, treffenden Worten. Es ist auf einer manchmal sehr harten, manchmal auf einer sehr subtilen Ebene stark, berührend, verstörend. Und doch auch Frieden schließend, so dass ich es nach dem Auslesen ohne Groll zur Seite legte. Aber es hat etwas (in und mit mir) angerichtet, denn es liegt weiterhin auf dem Tisch und ich schleiche drumherum, mir die Worte herausringend.

Eingangs schreibt der Autor:

Dieses Buch liest man am besten als ein Werk der Fiktion. Wäre mein Vater hier, um mit mir darüber zu reden, gäbe er mir bestimmt recht, wenn ich sagte, es sei ebenso wahr zu behaupten, dass ich nie einen Vater, wie dass er nie einen Sohn hatte.

 

Burnside beschreibt die Beziehung oder auch Nicht-Beziehung zu seinem Vater. Dieser ist ein Säufer, Grossmaul und seinen Kindern gegenüber ein alltäglicher Sadist. Er war ein Findelkind, wurde als Säugling einfach auf einer Türschwelle abgelegt. Zeitlebens erfand der Vater (Lügen-) Geschichten über seine Herkunft. Er will Anerkennung und als ein bedeutungsvoller Mensch wahrgenommen werden. Bei seinen Säuferkollegen in den diversen Pubs hat er es geschafft. In dem Haus der Familie zeigt er sich weiterhin als Tyrann, der mit seiner Verachtung alles zerstört.

Als Sohn versucht John seinen eigenen Weg zu finden. Er experimentiert mit Drogen, verliert sich in und mit ihnen, bis zum Exzess. Er landet gleich zwei Mal in der Psychiatrie.

Schließlich, fast unmerklich und ohne großes Getöse, kam mir der Gedanke, dass ich endlich unsichtbar geworden war.

 

Burnside, S. 337

Bis John es letztlich leid ist – sich selbst leid ist – sich aus der Psychiatrie entlässt und weiterzieht.

Selbst nach dem Tod seines Vaters kann er sich nicht wirklich von ihm befreien. Erkannte John ihn schon in seinen eigenen Exzessen wieder, wandert er auch darüber hinaus weiterhin in seinen Gedanken umher. Doch nicht zuletzt eröffnet ihm die Welt der Literatur eine neue Perspektive.

John Burnside hat hier ein abgrundtief ehrliches Erinnerungsbuch vorgelegt. Er versteht sein Handwerk und jeder Satz kommt mit einer authentischen Wucht daher, wie ihn nur einer schreiben kann, der viel durchgemacht, reflektiert und erkannt hat.

Jahrelang hat der Autor seinen Hass auf den Vater unter der Oberfläche versteckt, bis er sich mit diesem gewaltigen Werk „aufgeräumt“ zu haben scheint.

Dabei schreibt Burnside sehr unaufgeregt. Umso heftiger schlagen jedoch einige Sätze auf den Leser ein. Die ständigen Machtdemonstrationen und das Gefühl des Ausgeliefertseins sind deutlich spürbar. Er beschreibt seinen eigenen exzessiven Weg in den Abgrund mit kristallklaren und nachvollziehbaren Worten. Nicht sentimental, sondern geistreich. Einmal ins „Fegefeuerstadium“ und zurück.

John Burnside wurde 1955 in Schottland geboren. Für seine Bücher erhielt er ebenso viel Lob wie Kritik. Die hier zulande bekanntesten Romane Burnsides dürften „Glister“ und „In hellen Sommernächten“ sein. Schon sein Debütroman „Haus der Stummen“ begeisterte und beeindruckte mich. Genauso wie dieses Werk.

Die Originalausgabe erschien bereits 2006 unter dem Titel „A Lie About my Father“. 2011 erhielt er hierfür den Internationalen Literaturpreis Corine.

Lügen über meinen Vater von John Burnside (übersetzt von Bernhard Robben), als Taschenbuchausgabe im Dezember 2012 beim btb Verlag erschienen, 382 Seiten, ISBN: 978-3-442-74480-0

 

In eigener Sache: Auf Seite 184 schreibt Burnside über die Bilderreihe Scenes from the Passion des Künstlers Georg Shaw, welche ihn an Corby (einer Stadt in England) erinnerte. Shaw malte in Humbrol-Emaille auf Pappe.

Besonders zwei Werke benennt Burnside: The Middle of the Week, 2002 und The New Star.

Ich habe es mir nicht nehmen lassen, hier mal genauer nachzuschauen und bin von einigen Bildern schwer begeistert und total angetan!

Wer Lust hat, kann mal Georg Shaw, Scenes from The Passion: The Middle of The Week (2002) bei Google eingeben und auf die Bilder klicken.

Ich hänge mich jetzt mal aus dem Fenster und zeige Euch eines, was ich unglaublich genial finde und welches Burnside benannte:

[Buch] Lügen über meinen Vater

Georg Shaw. Scenes from the Passion: The Middle of the Week, 2001: Humbrol enamel on board. 77 x 101 cm [*1]

Ist das nicht einfach nur genial?! Ich kann mich nicht sattsehen…!

Weiterführende Links: scenesfromthepassion, Wilkinson Gallery

[*1] Das Bild fand ich unter anderem auf der Seite: scenesfromthepassion – Georg Shaw’s Tile Hill | An Unofficial Guide. Sollte das Einstellen des Bildes ein Problem darstellen, so bitte ich um eine kurze Nachricht und ich werde es umgehend wieder rausnehmen.

[Buch] Goldfisch

 

[Buch] Goldfisch

In meiner Heimatstadt habe ich mich früher gerne ans Museum beim Bahnhof gesetzt und die Menschen beobachtet. Während sie so ihres Weges gingen, habe ich mich gefragt, wo genau sie wohl hingehen würden und was sie eigentlich für ein Leben führen. Ich bin der Frage nie nachgegangen und sie hat sich im Laufe der Zeit verloren…

Und dann kommt der Autor Bradley Somer daher und knüpft mit seinem Roman Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel genau dort an. Das Buch liest sich erfrischend unterhaltsam und leicht; dabei ist es nicht zu kitschig, sondern eher so, dass ich mir mehr gewünscht hätte und es schade fand, als ich die letzten Seiten umschlug und die Geschichte zu Ende war.

 

Der Goldfisch Ian springt mit einem beherzten Flossenschlag über den Rand seines Glases, welches auf dem Balkon steht. Langeweile ist was für Schnecken – Goldfische sind Abenteurer! Und während Ian sich nun im Fall befindet und sein Fischhirn mit der Geschwindigkeit kaum mitkommt, kann er durch die Fenster des Wohnblocks schauen und bekommt kleine, sekundenschnelle Momentaufnahmen aus dem Leben der anderen Bewohner zu sehen. Die Einblicke, die der Leser bekommt, sind etwas länger und intensiver.

Der Leser begleitet einige der Bewohner des Seville on Roxy – so der Name des Hochhauses – für einen Augenblick. Gerade lange genug, um mehr oder weniger intensive Momente mitzubekommen. Aber dennoch kurz genug, um zu wissen, dass ihr Leben noch viel mehr beinhaltet. Es wird weitergehen, während der Leser längst wieder verschwunden ist.

Dabei hat jeder Bewohner dieses anonymen Wohnblocks seine eigene Geschichte, ohne zu wissen, was sie eigentlich – und vor allem wie viel – sie miteinander verbindet, dass sie ein Teil des Ganzen sind. Manche begegnen sich, lernen sich kennen, andere bekommen nichts davon mit und verflechten sich wiederum mit der Geschichte des Dritten .

Das ist wie ein Mosaik: während Ian  – der mit seinem Fall die Erdanziehungskraft bestätigt – den Rahmen vorgibt, entstehen innerhalb des Rahmens viele kleine Bilder aus Teilausschnitten. Sie berühren und verweben sich, bis sie selbst ein Bild ergeben. Das Gesamtwerk ließe sich gut im Foyer des Seville on Roxy aufhängen. 

Kein einziger Mensch lebt sein Leben allein; wir alle leben unsere Leben gemeinsam.

 

Bradley Somer

Manchmal könnte der Eindruck entstehen, dass es ein wenig zuviel an Drama des Einzelnen ist. Ich für meinen Teil fand die Geschichte – genau so wie sie ist – gut.

  • Die unter Agora- und Mysophobie leidende Claire, welche ihren Job bei der Sexhotline verlor, wieder auf „Schweinchen“ trifft und allen Umständen zum Trotz ihre Quiche fertig macht.
  • Die schwangere Petunia, die jetzt irgendwie zusehen muss, dass sie ihr Kind gebährt und dabei wollte sie doch eigentlich gerne ein Sandwich-Eis essen.
  • Der Junge Hermann, der ständig aus Zeit und Raum fällt und dazu seine eigene Theorie entwickelt, bevor er sich mitten in einer Situation wiederfindet, aus der er jetzt nicht verschwinden darf.
  • Jimenez, der im Hintergrund das Gebäude am Laufen hält, gerade noch einen selbst verursachten Fahrstuhlbrand stoppen kann und auf einen Mann in einem wunderschönen kaminroten Kleid trifft.
  • Gath, der all seinen Mut zusammen nimmt und bei dem sich das Glück wie ein Schluck heisse Schokolade im Bauch ausbreitet.
  • Katie, die eine wichtige Mission ansteuert, während Conner zu spät bemerkt, dass es Liebe ist.
  • Nicht zu vergessen: die verruchte Verführerin Faye, die noch schnell ihren String aus der Luft greifen kann, ehe sie ein Leben rettet.
  • Und immer wieder mittendrin: unser Ian, der sich wiederholend die Frage stellt, was er eigentlich gerade gemacht hat.

 

Mir hat es viel Spaß gemacht, diesen Roman zu lesen und ich fand es durchaus gelungen, wie der Autor den Perspektivenwechsel eingebaut hat, um jedem Bewohner sein eigenes Fenster zu geben und trotzdem zu einem Ganzen werden zu lassen. Kurzweilig und gut!

 

Bradley Somer wurde ich Australien geboren, wuchs in Kanada auf und lebt derzeit in Calgery. Er studierte Anthropologie und Archäologie. Er schrieb diverse Kurzgeschichten und sein Debütroman „Imperfections“ wurde mit dem kanadischen CBC Book Award ausgezeichnet.

 

Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel von Bradley Somer, erschienen 2015 im DuMont Buchverlag, 320 Seiten, ISBN: 978-3-8321-9783-4

[Buch] Das Handwerk des Teufels

 

[Buch] Das Handwerk des Teufels von D. R. Pollock

Es ist schon wieder passiert…, beim Umblättern der letzten Seite dieses Buches dachte ich: „Hammer!“.

Ich habe wieder einen kleinen Abstecher nach Ohio (USA) gemacht, unter anderem auch nach Knockemstiff. Der Ort und der Autor Donald Ray Pollock mit seinen Worten, die Umgebung und Menschen dort zu beschreiben, haben es mir einfach angetan. Wenn ich jetzt schreibe, dass es fast so wie „nach Hause kommen“ war, dann ist das sicherlich in vielerlei Hinsicht übertrieben, aber auch dieser Roman konnte mich genauso begeistern wie damals „Knockemstiff“.

Da ist Arvin, der mit seinen Eltern auf einem Hof mitten im Nirgendwo lebt. Als seine Mutter erkrankt, entwickelt der Vater einen religiösen Wahn. Zwischen Tierkadavern und Menschenblut, beim Gestank von Verwesung und Leid, muss Arvin beten, bis ihm die Stimme versagt. Seine Mutter stirbt, sein Vater wählt den Freitod und fortan verbringt Arvin sein Leben als Waise bei seinen Großeltern.

Ebenso wie Lenora. Ihre Mutter wurde Opfer zweier religiöser Fanatiker. Einer davon war ihr Mann Roy. Der andere sein verkrüppelter Bruder Theodore im Rollstuhl. Sie zogen als Prediger durchs Land. Gehört wurden sie aufgrund ihrer „Showeinlagen“, mit denen sie ihren Glauben für alle sichtbar untermauern wollten. Bis sie in ein Tief gerieten. Um sich wieder auf die Predigerbühnen zu bringen, entwickelt Roy den ultimativen Plan als Beweis für „seinen guten Draht nach Oben“. Nach dem Mord an der Mutter, tauchen beide unter und Lenora bleibt bei Arvins Großeltern.

Dann sind da noch Sandy und Carl. Sie sind ein Serienkillerpaar und reisen rund um Ohio durch die Gegend. Sie suchen sich „Models“, welche sie für Carls kranke „Kunst“ benötigen.

Und last but not least gibt es noch den korrupten Sheriff Lee, der auf seine Weise für Recht und Ordnung sorgt.

Nun könnte man nach meinen Zeilen meinen, dieser Roman sei eine mit religiösem Wahn überfrachtete Killerstory. Darauf ein: Nein! Der Autor D. R. Pollock versteht sein Handwerk. Wie all diese Menschen in ein Buch passen, sich ihre Wege kreuzen oder gar zusammen gehören, zeigt Pollock mit seiner gekonnten Art zu schreiben und eine Storyline zu schaffen. Sein Ausdruck dabei ist hart, ungeschminkt. Er verschönt nichts, verzichtet auf Schnörkel. Aber gleichfalls bagatellisiert er auch nichts, vielmehr nimmt und beschreibt er es so, wie es kommt. Hinzu kommt, dass die Handlung Anfang der 60’er Jahre des letzten Jahrhunderts spielt und teilweise im Hinterland stattfindet. Das passt alles, bis zum letzten Punkt.

Donald Ray Pollock ist 1954 geboren und wuchs selbst in Ohio auf. Er brach die Highschool ab, arbeitete erst in der Fleischfabrik und anschließend über 30 Jahre in der Papiermühle. Erst Ende der 80’er Jahre holte er seinen Abschluss nach und schrieb sich an der Uni ein.

Das Handwerk des Teufels“ von D. R. Pollock, erschienen 2013 als Taschenbuchausgabe beim Wilhelm Heyne Verlag (Heyne | Hardcore), ISBN: 978-3-453-43692-3

[Buch] Das Handwerk des Teufels von D. R. Pollock

Besonders gefreut habe ich mich, Hank von Maudes Laden wieder getroffen zu haben. Sollte ich tatsächlich jemals nach Knockemstiff kommen, werde ich ihn persönlich besuchen. Vielleicht ist es dann ein Hank in der 2. oder 3. Generation, aber es wird sicher immer ein Hängengebliebener im Laden sein.

Und irgendwann werde ich vielleicht selbst mal ein Buch über die deutsche Großstadt in der wir leben schreiben – mit all ihren Menschen und Geschichten. Spätestens dann wird klar, warum ich Pollock und seine Art zu schreiben so treffend finde und dermaßen schätze! 😉

[Buch] Haus der Stummen

Großartig, es gibt sie doch noch: diese Bücher, die mich nach dem letzten Satz leicht verstört und dennoch irgendwie grinsend zurücklassen. Autoren, die über eine so morbide Sprachkunst verfügen, dass in mir Freude hochkommt, so als hätte ich etwas Verlorengeglaubtes wieder gefunden.

[Buch] Haus der Stummen von John Burnside

Mit seinem Debütroman „Haus der Stummen“, nimmt John Burnside seine Leser mit in die Welt eines Psychopathen. Er schubst sie direkt hinein und unweigerlich geraten sie in den Sog der Geschichte. Lukes Geschichte, welche er durchgängig in Ich-Form erzählt.

Luke, der ein etwas ungesundes Verhältnis zu seiner Mutter hat, lauscht als Kind ihren Geschichten. Insbesondere der des Großmonguls Akba. Dieser ließ das „Haus der Stummen“ – fern abseits der Zivilisation – errichten, in dem er Kinder ohne menschliche Ansprache aufwachsen lassen wollte. Ein Experiment, um herauszufinden, ob die Sprache dem Kind angeboren, ob sie ein Baustein des Menschseins ist oder vielmehr ein erworbenes Produkt der Kultur.

Luke, der völlig fasziniert von Sprache als Ordnungssystem der Welt ist, sie zudem als einen möglichen Zugang zur Seele und somit hier einen unmittelbaren Zusammenhang sieht, stößt auf weitere Experimente.

Für ihn wird diese Suche nach der Seele, Sprache und Ordnung zur Mission. Schon als Kind beschäftigte er sich mit Tierkadavern und führte später Vivisektionen durch. Da ihm die bisher gemachten, historischen Experimente nicht genau genug und richtig erscheinen, plant er schließlich selbst eines. Kaum fähig, wirkliche Gefühle zu entwickeln, geht er dabei merkwürdig anmutende Beziehungen zu Frauen ein, die er etwas unkonventionell kennenlernt. Eine Frau gebärt ihm Zwillinge, zu denen er aber auch nur einen rein „wissenschaftlichen Bezug“ aufbaut. Dass er darüber hinaus selbst zum Mörder wird, nimmt er billigend in Kauf. Sein Experiment an lebenden Menschen ist es, welches für ihn zählt, denn er ist besessen und möchte Antworten auf seine Fragen finden.

 

John Burnside hat einen so guten Erzählstrang geschaffen, dass ich zwei / drei Mal im Lesefluss innehalten und zurück blättern musste. Ich musste den Absatz noch einmal lesen, um wirklich sicher zu sein, dass er tatsächlich so da stand, wie ich ihn gelesen hatte. So fliessend sind die Übergänge, so fein der Sog. Der Autor schafft es, den Protagonisten ein paar Zeilen lang nahezu philosophisch mit all seinen Fragen dastehen zu lassen, um dann so unterschwellig und flüssig umzuschwenken, dass ein paar Zeilen später die Distanziertheit zu menschlichen Gefühlen und das Kalkül des Psychopathen allzu deutlich werden. Dabei helfen ihm sicherlich auch die langen Sätze, mit vielen Kommata und Semikolons. Ich finde sie großartig![*] So wie ich dieses Buch insgesamt bemerkenswert finde.

Die Geschichte ist wohlkonstruiert, wenngleich sich mir zwischendurch die Fragen aufwarfen, wovon der Protagonist eigentlich lebt und was „Karen“ für Drogen nimmt, dass es so funktioniert, wie es funktioniert… Aber gemessen an Burnsides gesamten Romanverlauf, sind meine Fragen sicherlich zu vernachlässigen.

John Burnside wurde 1955 in Schottland geboren. Die Originalausgabe von „Haus der Stummen“ erschien bereits 1997 unter dem Titel „The Dumb House“. Viel zu lange brauchte es, bis dieser Roman übersetzt wurde und hierzulande erschien. Derweilen veröffentlichte Burnside mehrere Bücher, ist bereits dafür ausgezeichnet worden und gibt Kurse für kreatives Schreiben an der Universität.

 

„Haus der Stummen“ von John Burnside, erschienen 2014 im A. Knaus Verlag, München / Verlagsgruppe Random House GmbH

ISBN: 978-3-8135-0612-9

[Buch] Haus der Stummen von John Burnside

Die Experimente, welche genannt wurden, fanden übrigens tatsächlich statt.

Schon seit Jahrhunderten beschäftigt sich die Menschheit mit den Fragen nach der Seele und der Sprachentwicklung. Es gab sowohl den Großmongul Akba, welcher einer Sage nach einen solchen Palast baute, als auch die Experimente des Pharao Psammetich I.. Dem Bericht Herodot zufolge, übergab er zwei Kinder an einen Ziegenhirten. Sie sollten zwischen den Ziegen aufwachsen, ohne menschliche Ansprache. Er wollte herausfinden, welche Sprache sie zuerst sprechen würden und somit die älteste Sprache auf Erden herausfinden. Auch Friedrich II. startete einen solchen Versuch der Isolation von Kindern, aber sie starben zu schnell. Wer mehr über diese Experimente nachlesen möchte, findet hier erste grobe Infos: Waisenkinderversuche

 

[*]Und ich musste ein wenig schmunzeln, denn es zeigt, dass auch solche Bücher in genau diesem Schreibstil hervorragend sein können. Ich selbst musste mir damals mehrfach anhören, dass meine Sätze zu lang seien, ich zu viele Satzzeichen verwende und sie deshalb schwer zu lesen seien. Ha…., hier haben wir jetzt den Beweis, dass es funktioniert. Das musste ich gerade mal eben loswerden. 😉

Und einen Kritikpunkt hab ich noch: Über Luke wird in diesem Roman mehrfach erwähnt und behauptet, dass Tiere keinen Verstand hätten und entsprechend nicht denken könnten. Dem ist nicht so! Genauso bin ich davon überzeugt, dass auch Tiere eine Seele haben. Womit wir mitten drin in einer Diskussion wären, in der sich Wissenschaftler und Philosophen schon seit geraumer Zeit befinden.

[Buch] Das achte Leben (für Brilka)

 

[Buch] Das achte Leben (für Brilka)

Es gibt diese und jene Bücher – und dann gibt es solche wie „Das achte Leben (für Brilka)“ von Nino Haratischwili, bei dem ich fast geneigt bin, eine Liebeserklärung zu schreiben.

Ich hatte mich zunächst anstecken lassen von der Euphorie anderer Leser, von deren Warten und der Vorfreude auf dieses Buch. Von den ersten Stimmen auf den diversen Bücherblogs, welche ich so gerne durchstöbere. Als ich dann selbst begann es zu lesen, wurde ich nicht enttäuscht, vielmehr hatte ich mich ebenso schnell und direkt in dieses Buch verliebt.

Bisher war es mir eigentlich nie so wirklich wichtig, wie ein Buch aussieht, wenn denn der Inhalt stimmt. So langsam wandelt es sich aber und ich merke schon, was ein ansprechendes Cover und ein ebensolcher Titel ausmachen. Hier ist alles stimmig: der Umschlag ist aufwendig und liebevoll gestaltet und es geht gar nicht anders, als selbst das Auspacken des Buches zu zelebrieren.

Es ist ein Mammutwerk und dieses nicht nur aufgrund der rund 1280 geschriebenen Seiten.

Dieses Buch erstreckt sich über das komplettes Jahrhundert, von 1900 bis 2007 und erzählt die Geschichte der georgischen Familie „Jaschi“. Beginnend mit der Geburt von Stasia, der Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, schreibt ihre Urenkelin Niza die gesamte Familienchronik – über sechs Generationen – für ihre Nichte Brilka nieder.

Der Leser trifft auf starke Frauen mit nochmehr Persönlichkeit, kleine und große Männer, Macht, viel Leid, auf Fanatiker und gebrochene Menschen, auf Höhen und Tiefen, auf Liebe, Hoffnung und Aufgabe – und auf die Geschichte Georgiens. Alles ist miteinander und ineinander verwoben und es ist tatsächlich so: alle Fäden zusammen ergeben einen Teppich. Ein Bild, welches die Autorin Nino Haratischwili direkt am Anfang beschreibt und sich entwickeln lässt.

Sie selbst ist 1983 in Georgien geboren und hat unglaublich gut die politische Geschichte recherchiert. Wer sich einmal an eine solche Recherche gesetzt hat, weiß, wie umfangreich und kräftezehrend sie sein kann. Und auch hier haben wir es mit einem kompletten Jahrhundert zu tun! Mit den immerwährenden Kriegen des Ostens: die Kämpfe und Revolutionen Georgiens, Russlands und der Sowjetunion.

Ich selbst bin – ehrlich zugegeben – eine absolute „Null“ in der „Geschichte des Ostens“. Sicherlich habe ich auch schon vor dem TV-Apparat gesessen und den Kopf geschüttelt über das, was in den Nachrichten zu sehen war. Dennoch: wirklich eingestiegen bin ich in dieses Thema nicht. Zu mächtig, umfangreich und verworren schien es mir. Aber Haratischwili hat es geschafft, sowohl die geschichtlichen als auch die fiktiven Aspekte so miteinander zu verknüpfen (wieder sind wir bei dem Teppich?!), dass ich mich mehr damit beschäftigt, nachgelesen habe und sicherlich auch „dran bleibe“.

Irgendwo hatte jemand Haratischwili einen etwas pathetischen Schreibstil angelastet. Die eine oder andere Seite ist wirklich so geschrieben, aber in dem Moment, in dem die Grenzen anfangen zu verschwimmen, wo man einerseits der beobachtende Leser der Geschichte ist, sich andererseits aber in die eine oder andere Person so sehr einfühlt, dass man „mitschwingt“, sie versteht, hebt es sich auf und ich selbst kann das leicht Pathetische nachvollziehen. Zumal die Autorin das richtige Maß getroffen hat, wusste, wann sie wieder „umschwenken“ musste.

Heute Nachmittag las ich eine Rezension, in der angesprochen wurde, dass Haratischwili doch mehr hätte auf das Empfinden, den Tatsachen und der Situation des Einzelnen in dem Moment des Kriegsgeschehens hätte eingehen sollen, statt ein oberflächlich anmutendes Abwenden zu beschreiben. Nein, sehe ich nicht so! Auch hier hat sie das richtige Maß gefunden. Zum einen reden wir hier immernoch von einem Roman und nicht von einem Geschichtsbuch im eigentlichen Sinne und zum anderen kann ich es so sehr nachvollziehen, wenn man das Geschehen um sich herum einfach nicht mehr aufnehmen und verarbeiten kann. Weil es zuviel ist, weil man müde ist und vielleicht, weil man sich manchmal hilflos fühlt. So wie ich mir das Recht herausnehme, manchmal eben nicht die Nachrichten zu schauen, weil ich es nicht mehr aushalten kann und will, die Katastrophen anzuhören und mich damit auseinderzusetzen. Da bin ich selbst „voll“ und ich lebe nicht in einem Krisengebiet. So kann ich es verstehen, dass sie sich manchmal vom Kriegsgeschehen abwenden und einfach nur froh sind, den Tag überlebt zu haben. Es geht hier um die Stimmung, nicht der minutiösen Beschreibung durch die Autorin.

Ach herrje, jetzt fange ich schon an, das Buch zu verteidigen! Dabei hat es doch auch soviel Lob bekommen, dass es das gar nicht nötig hat.

Aber es ist einfach so: viel zu schnell hatte ich es durchgelesen (hatte eigentlich damit gerechnet, dass wir noch Weihnachten zusammen verbringen würden?!) und ich werde sie vermissen:

Stasia, die fast das gesamte Jahrhundert überlebt hat; die schöne Christine, die sich mit einem mächtigen Mann einließ und somit ihr halbes Gesicht durch Säure verlor; Kitty, die nach London flüchten konnte und eine große Sängerin wurde; Fred, mit der sie das Bett teilte und welche es bis nach Wien geschafft hatte; Andro, der blond gelockte; Kostja, der alles zu geben meinte; Miqa, Elena, Niza, Antonio…, sie alle, die die Geschichte in diesem Buch gelebt haben. Nicht zu vergessen den Duft der heißen Schokolade, der sich durch das Buch zieht und welche nach einem streng geheimen Rezept hergestellt wird.

Nino Haratischwili

„Das achte Leben (für Brilka)“

2014 erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH

ISBN 978-3-627-00208-4