Wunschvorstellung und Realität

Als ich eben in die Küche ging, den Knopf an unserem Kaffeevollautomaten drückte und mir dachte: „Heute mache ich es mir gemütlich und werde nichts anderes tun, als mich in den Garten zu setzen und zu lesen.“, musste ich schon bald lachen. Soweit sind Realität und Wunschvorstellung voneinander entfernt: während ich mich auf den frisch gezapften Kaffee freue und die Vorzüge zu schätzen weiss, wünsche ich mir gleichzeitig, ich würde endlich wandern gehen. So richtig lange, sowas wie pilgern ohne religiös zu sein: Fernwandern. Das hat ein wenig was von Heim- und Fernweh gleichzeitig. Gibt es sowas?

Jetzt gerade sitze ich unter dem Sonnenschirm und werde schon beim Gedanken daran, mit schwerem Rucksack loszulaufen und Kilometer zu machen, ganz müde… Fange ich doch schon an zu stöhnen, wenn die Hunde mich an der Leine hinter sich herzerren. Oder wie ich mich auf einen leckeren Latte Macchiato freue, wenn ich gerade mal fünf Kilometer gebummelt bin. Und doch packt mich der Gedanke immer wieder…

 

Wer kennt dieses Buch nicht oder aber den Film?! Eine Frau alleine auf dem PCT, dem Pacific Crest Trail. Und sie zieht es durch!

So wie ich es durchziehe, diese Bücher zu lesen und mich der Sehnsucht hinzugeben… So langsam reihen sie sich aneinander:

  • „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling (natürlich!)
  • „Deutschland umsonst – Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“ von Michael Holzach
  • „Santiago liegt gleich um die Ecke – Pilgern in Deutschland“ von Stefan Albus
  • „Pilgern für Skeptiker“ von Jean-Christophe Rufin
  • „Der große Trip“ von Cheryl Strayed

Und jetzt aktuell:

  • „Laufen. Essen. Schlafen. – Eine Frau, drei Trails und 12.700 Kilometer Wildnis“ von Christine Thürmer

Zwei Zauberworte sind für mich Alleine und Wildnis.

Gerade über das zweite Wort habe ich die letzten beiden Tage viel nachgedacht. Bei der Gartenarbeit… Wer immer behauptet, Gartenarbeit würde Spaß machen und es sei so entspannend, in der Erde zu graben: was genau sind denn das für Gedanken in Euren Köpfen? Während ich mir das zum Mantra machen wollte, wie entspannend Gartenarbeit doch sei, schossen mir immer wieder andere Gedankenfetzen dazwischen:

„Was bitte ist so toll daran, wenn ich ständig an Büschen rumschneide und der vermeintlichen Natur vorgebe, wie sie bitte zu wachsen habe? Wer bin ich denn, dass ich das bestimme? Boah, ich habe keine Lust mehr! Diese Drecksgartenschere muss mal geölt werden… Meine Güte, so langsam tut mir mein Rücken weh. Da bekommt man doch ne Sehnenscheidenentzündung! Was ist eigentlich so schön an einem Blumenbeet? Diese Kackrosen! Dieser hässliche Rhododendron ist mir schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Endlich fertig mit dem Scheiss, morgen mache ich aber nichts mehr…!“

Liebe Gartenfreunde: diese Arbeit hat so gar nichts mit Natur oder gar Wildnis zu tun. GAR NICHTS! Und mit Verbundenheit zu eben jener auch nicht. Da lasse ich doch lieber Beet Beet sein und die Kirschlorbeerhecke ist mir auch schnurzegal (jetzt habe ich sie ja auch geschnitten und wieder nen halbes Jahr Ruhe…): da gehe ich lieber fünf Stunden durch den Wald und stelle mir die bange Frage, wo sich denn aktuell wohl gerade die Wildschweine aufhalten dürften?

Alleine – müsste bei mir eher heissen „ohne menschliche Begleitung“, denn meinen Hund Lotte hätte ich schon gerne bei der Wanderung dabei. Meinen kleinen Breitmaulfrosch…, der bis vor Kurzem noch nicht einmal richtig lahmfrei laufen konnte. Den mindestens zwei Tierärzte schon kaputt-operieren wollten, unter der Überschrift „Es könnte sein, dass… Wir machen die mal auf.“ Oh, wie gut, dass ich auf niemanden gehört habe und lieber wacker zur Osteopathin fuhr, die sie wieder zurecht schob und ruckelte. Ja, ich werde nicht müde, dieses immer und immer wieder zu betonen.
Dieser Hund, der mich dazu brachte, tatsächlich ein Massageseminar zu besuchen. Wer hätte gedacht, dass ich das mal sagen würde, dass ich wegen meinem Hund zu einem Seminar gehe? Sonst war meine Motivation dabei eher instrinsisch.

Aber das Seminar war klasse! Es hat wirklich Spaß gemacht und alles war perfekt vorbereitet und organisiert. Hätte ich nicht schon andere Pläne, könnte ich mir gut vorstellen, dort tiefer einzusteigen. In die ganze Thematik. Dabei hatte ich mir im Vorfeld schon einige (berechtigte) Gedanken gemacht, dass Lotte und ich ein wenig das Seminar crashen könnten. Sie ist ja nun nicht gerade für eine dezente Zurückhaltung bekannt…  Eher im Gegenteil. Lotte aber zeigte sich von ihrer charmantesten Seite und während des ganzen Theorievormittages lag sie (als wäre sie schon ein Seminarprofi und nicht zum ersten Mal dabei) neben mir und schien sehr entspannt zu sein. Ab dem Mittag schwand dann ihre Nervenstärke etwas, gekoppelt mit dem, dass sie sich nun sicherer fühlte, kommentierte sie – zusammen mit einem Hundekumpel – so einiges, was sich außerhalb des Seminarraums abspielte. Dabei war sie so dermaßen müde, dass sie immer zur Seite kippte, während sie noch versuchte gegen den Schlaf anzukämpfen. Damit hatte Lotte durchaus Unterhaltungswert und amüsierte andere Teilnehmer. Als es dann endlich an die Praxis und damit an die Massage ging, war Lotte an dem Punkt, dass sie ganz klar meinte: „Nö!“. Das galt es dann für mich zu akzeptieren (ich erwähne jetzt auch nicht, dass sie der einzige von 10 – 15 Hunden war, der sich nichts massieren ließ – so ist sie eben), alles andere machte eh keinen Sinn. So stolz ich war, dass wir bis hierhin gekommen waren, saß ich dann doch ein wenig zerknirscht im Eck, mit Lotte kerzengerade an der Leine, während andere Hunde wohlig brummend auf der Seite lagen. Eine Frau erkannte meine etwas missliche Lage und stellte mir kurzerhand ihren Hund zur Verfügung. Das war großartig! So konnte ich doch noch „Hand anlegen“ und das auch noch bei einem Hund, bei dem wirklich alles zu fühlen und zu sehen war. So konnte ich nicht nur eine völlig platte Lotte wieder mit nach Hause nehmen, sondern auch die Sicherheit, dass meine Grifftechnik nun stimmig ist. Rundherum war es ein gelungener Tag. Lotte und ich werden übrigens im November wieder hinfahren. Dann besuchen wir das Seminar zur „Dorntherapie“. Das hatte ich schon im Vorfeld gebucht, aber nachdem ich letzte Woche versehentlich Lottes Schulter wieder in die richtige Position brachte und sie seit dem nicht mehr so rumeiert beim Laufen, passt es noch mehr. Falls es jemanden interessiert, Katrin Voßwinkel ist wirklich eine sehr nette Frau: Hundephysiotherapie.

Alleine mit Hund, um mal wieder auf das Thema zurück zu kommen…: Machen wir uns nichts vor: so ein richtiger Trail wie der PCT über die Bergkämme wäre für uns nichts. So ein Kamikaze-Hund wie Lotte einer ist (sie rannte schonmal frontal gegen eine Steinmauer!) würde ja in einer Dauergefährdung laufen und immer drohen, abzuschmieren. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob wir im Sommer bei Temperaturen von über 30 Grad laufen könnten, denn dann kippt sie mir womöglich dauernd um?! Hm…, noch sind wir ja auch nicht soweit. Jetzt bin ich ja schon glücklich, dass sie überhaupt so schön, ohne zu lahmen und so lange läuft! Und wenn es mehr so um Stille, Natur / Wildnis und Alleinsein geht, dann könnten wir ja auch erstmal ne einsame Hütte wählen… Und von dort aus los wandern – oder auch nicht.
So wie:

  • „In den Wäldern Sibiriens: Tagebuch aus der Einsamkeit“ von Sylvain Tesson

 

 

 

[Buch] Ein wenig Leben

„Endlich hab ich dieses vermaledeite Buch zu Ende gelesen.“
„Wieso, war es denn nicht gut?“
„Doch, aber anstrengend!“

 

 

Alles an diesem Buch ist zu laut, zu schrill, zu überzogen, zu überladen, zu viel, zu wenig, zu leise, zu wuchtig, zu anstrengend. Eine Übertreibung an allem. Und dennoch ist es genau richtig so, denn nur dadurch kann es so wirken und so viel auslösen im Leser.

Die Marketingstrategie dieses Buches ging voll auf, denn auch ich liess mich im Vorfeld anstecken, freute mich auf dieses Buch und konnte es kaum erwarten, endlich mit dem Lesen anfangen zu können. Und auch mir erging es so, dass mich schnell so eine Art Sog in dieses Buch hineinzog und ich es immer weiter lesen wollte. Dieses Buch „hat was“. Nur was? Ich kann es mir nach wie vor nicht richtig erklären, denn allzu schnell war ich auch gereizt, genervt, übersättigt und … manchmal sogar gelangweilt von all den Entschuldigungen sämtlicher Protagonisten. Es ging soweit, dass ich dachte, ich müsse ausflippen, wenn auch nur noch einer in meiner Umgebung die Worte „Es tut mir leid, es tut mir so leid!“ wählen und aussprechen würde.

Dieser Roman ist exzessiv, er macht mürbe. Aber genau das wollte doch erreicht werden?

Vier Freunde aus der Collegezeit

Jude, Willem, JB und Malcom – sie alle verbindet eine Freundschaft. Schnell wird aber klar, dass Jude den größten, den intensivsten und damit auch schmerzvollsten Part übernehmen würde. Die tiefe Verbindung zu Willem (oder vielmehr die Willems zu ihm) und wenn aus Freundschaft Liebe wird.

Jude hat mich wahnsinnig gemacht. Er mit seinem schweren Schicksal, bei dem man meint, es könne nicht mehr schlimmer kommen. Und dann kommt doch noch mehr und es wird schlimmer und man stellt sich zwangsläufig die Frage, wie viel ein Mensch ertragen kann, zu ertragen bereit ist? Ich wollte Jude nach dem ersten Anflug von Ungeduld schütteln, wollte ihm sagen, er solle jetzt endlich mal aufhören mit seiner Geisselung, ich wurde wütend und ich hätte ihm eine runterhauen wollen, mich umdrehen, abwenden und sagen wollen „Es ist Deine Entscheidung, lebe damit oder lasse es bleiben!“. Ich hätte mich zu ihm setzen wollen, gemeinsam mit ihm schweigen, ihm sagen wollen „Ich verstehe Dich.“, vielleicht sogar den Arm um ihn legen wollen.

Und genau deshalb ist dieses Buch so geschrieben worden, wie es geschrieben wurde – für diese Achterbahnfahrt, dieses Nachvollziehen können. Und gerade weil es immer und immer weiter macht mit seinen Schilderungen, die einen an den Rand bringen – sogar an den, dass man diese Aggression verspürt, man sich aber selbst wieder zurück nimmt, um eben nicht genau so zu reagieren, wie es provoziert wurde, ist es so anstrengend. Ich glaube fast, dass dieses nicht erreicht hätte werden können, wenn es nicht immer noch schlimmer gekommen wäre, sondern der Roman zwar mit all der Ausgeburt der Schicksalshölle geschrieben worden, aber letzten Endes doch vor sich hingeplätschert wäre.

Von der Wahrscheinlichkeit wie ein Leben verlaufen kann

In vielerlei Hinsicht ist dieser Roman realistisch. Sogar so, dass ich denke, dass es genau so laufen kann, sogar läuft bei einem Trauma, das so tief liegt, dass es nicht bewältigt werden kann. Schon aufgrund meines Jobs (oder meiner Persönlichkeit?) gibt es kaum etwas, was mich überrascht im menschlichen Denken und Handeln. Egal wie unerklärlich es auf den ersten Blick erscheint, so nachvollziehbar ist es auf dem zweiten.

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ein Mann im Erwachsenenalter von einem sehr erfolgreichen Herren adoptiert wird? Um einen Erben zu haben, um ein Loch zu füllen, um die Liebe und den Respekt auszudrücken? Wie wahrscheinlich ist es, dass man trotz der verkorksten Kindheit, nahezu ohne Schulbildung, ein erfolgreicher Anwalt wird? Dass alle Protagonisten auf kurz oder lang total erfolgreich und berühmt werden? Sie alle über Traumjobs verfügen und genau das tun können, was sie wollen? Dass sie immer an den Richtigen / an den Falschen geraten? Dass es niemanden überrascht – egal in welcher politischen Epoche sie leben -, wenn aus besten Kumpels homosexuelle Beziehungen entstehen? Wenig wahrscheinlich…. Dieser Roman hat aber sicherlich auch gar keinen Anspruch darauf, als „Tatsachenbericht“ zu gelten, vielmehr will er übertreiben und diese Unwahrscheinlichkeit wird zur Nebensache. Es passt ins Gesamtkonzept und damit überrascht es nicht wirklich.

Entgegen der allgemeinen Annahme, dass diese Geschichte einen zum Weinen bringt und man unbedingt mit jemanden sprechen wollen würde, wenn man sie durchgelesen hat, musste ich weder weinen, noch hatte ich ein Bedürfnis tatsächlich zu reden. Vielmehr entstand der eingangs wiedergegebene Dialog mit meinem Mann und ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass ich es endlich geschafft hatte, als ich die letzte Seite zuklappte. Es ist nicht so, dass ich meine, dass dieses Buch nicht gelesen werden muss, ebenso wenig, wie es unbedingt gelesen werden muss. Neben diesem Sog es unbedingt weiter lesen zu wollen, war ich durchaus so aufgewühlt, wie es im Vorfeld angekündigt war. Aber aufgewühlt aggressiv, weil ich mich an den Protagonisten reiben konnte, mit den Augen rollen, wütend war. So wütend, dass ich bald selbst zum Messer gegriffen hätte, man sich bald selbst ins Fleisch schneiden möchte und gleichzeitig war ich unendlich genervt. Von allen. Sowohl von Jude, als auch allen anderen Beteiligten mit ihren überzogenen altruistischen Verhaltensweisen.

Ziel erreicht

Sowohl im Buch, als auch bei mir ausserhalb. Vielleicht nicht so wie gedacht – oder vielleicht doch genau so?

 

 

Ich bin bewusst nicht mehr auf die Geschichte an sich eingegangen. Zum einen, weil dieses Buch derzeit in so ziemlich aller Munde ist und zum anderen, weil ich selbst nicht zuviel vorweg verraten wollte. Aber bei Hanser Literaturverlage könnt Ihr noch mehr erfahren.

 

Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara (übersetzt von Stephan Kleiner
erschienen 2017 Hanser Literaturverlage, 960 Seiten, ISBN: 978-3-446-25471-8

[Buch] Der Jungfrauenmacher

 

[Buch] Der Jungfrauenmacher

Wie bereits bei „Die Sandwitwe“ angekündigt, hier nun also tatsächlich der erste Teil von Henning und Jansen.

Die Ermittler Henning und Jansen haben es bei diesem Auftakt der Thrillerserie von Derek Meister mit einem Mörder zu tun, der seine Opfer in die Tiefe zieht und sie wie Kreaturen des Wassers aussehen lässt.

Während eines Unwetters samt Überschwemmung, wird die Leiche einer Frau an den Strand gespült, welche merkwürdige Wunden mit Kiemennachbildungen aufweist. Als kurz darauf eine zweite Leiche aufgefunden wird, ahnt Polizeichef Knut Jansen, dass er es in seinem ansonsten beschaulichen Valandsiel mit einem Serienmörder zu tun bekommt. Parallel lernt er die Profilerin Helen Henning kennen, die nach dem Tod ihres Vaters und ihrem Aufenthalt in den USA an die Nordsee zurück kehrt und nicht nur den Nachlass regeln muss, sondern ihre eigene Geschichte mit im Gepäck hat. Gemeinsam setzen sie alles dran, um den Mörder zu fassen, ehe das nächste Opfer zur Jungfrau wird.

Selbst wenn mich insgesamt der zweite Band mehr begeistert hat, so ist Der Jungfrauenmacher als Auftakt ebenfalls sehr überzeugend. Die Grundidee fand ich super (ein erneutes Hoch auf diesen Einfall des Autors), ebenso waren die Spannungsbögen (wieder) angemessen und klasse. In diesem Buch wird der Grundstock für die Begleitstory von Hennig und Jansen gelegt, ebenso wird hier der Konflikt von Knut Jansen und seinem Vater – dem ehemaligen Polizeichef – deutlich. Alles in allem ein guter Einstieg, der seine weitere Steigerung im zweiten Band erfährt.

Derek Meister wurde 1973 in Hannover geboren, studierte Film- und Fernsehdramaturgie und schreibt erfolgreich Romane und für´s Fernsehen. Mehr Infos finden sich auf seiner Homepage.

Unter anderem ist von ihm auch die „Rungholt – Reihe“ erschienen, von der ich mir jetzt den 1. Band bestellt habe…, ich bin gespannt.

Der Jungfrauenmacher von Derek Meister, erschienen 2015 im Blanvalet Verlag, 413 Seiten, ISBN: 978-3-7341-0060-4

[Buch] Die Sandwitwe

 

[Buch] Die Sandwitwe

Im Klappentext heisst es:  »In Valandsiel werden mehrere mit Sand gefüllte Leichen gefunden, die der Mörder zu grotesken Figuren drapiert hat.« Es wurde nicht zuviel versprochen!

Derek Meister hat mit Die Sandwitwe einen Thriller vorgelegt, der mich mehr als positiv überraschte. Wenngleich es eigentlich nach „Der Jungfrauenmacher“ der zweite Band und damit Fall von Kommissar Jansen und Profilerin Henning ist, so bin ich mit diesem Buch eingestiegen, habe nichts an Vorabinformationen vermisst und konnte der Story sehr gut folgen. Der Band hat mich sogar so begeistert, dass ich unbedingt auch den ersten Teil lesen möchte.

In Valandsiel an der Nordsee werden also mit Sand gefüllte Leichen gefunden, welche mit zunehmender Anzahl stets perfekter und brutaler ermordet wurden. Nachdem zunächst kein Muster erkennbar ist, meldet sich der Mörder anonym bei der Polizei. Diese gerät zunehmend unter Druck, denn es befindet sich noch ein weiteres Opfer in seiner Gewalt. Im Rahmen der Ermittlungen stossen Jansen und Hennig auf einen Unfall, der 25 Jahre zurück liegt und bei dem der Junge Brand tödlich verunglückte. Oder hatte er doch überlebt und ist nun auf Rache aus?

Die Spannungsbögen sind nahezu perfekt und was der Autor an Verbindungen und Ideen einbrachte, liess mich staunen. Darauf muss man erstmal kommen! Wenngleich es an keiner Stelle überzogen wirkte. Auf den ersten Seiten bin ich auf ein paar befremdliche Worte wie „…ätzte Knut“ (statt „… antwortete gereizt“ o.ä.) gestossen, die mich skeptisch machten. Hatte ich doch keine Lust, hier einen „Jugendthriller“ im Slang zu lesen. Doch nicht nur, dass es sich komplett verlor, so packte mich die Storyline derart, dass es mir sogar egal gewesen wäre. Nahezu klassisch, die Begleitstory von Jansen und Henning: der verliebte Cowboy und die Profilerin mit Vergangenheit. Gibt dem Ganzen zwar ein wenig zusätzliche Würze, aber die eigentliche Story ist gespickt mit so vielen Detailbeschreibungen, dass schon sie alleine den Leser mitnimmt, so dass sie mehr als ein zusätzlicher „Bonbon“ gelten dürfte. Wer mich kennt weiss, dass ich ein Nordeseefan bin und mehr noch: ein Freak, was verlassene und verfallene Häuser angeht. Auch hier kam ich voll auf meine Kosten und als ich dann auch noch auf den letzten Seiten etwas von Dr. Tillmann – dem Psychologen – las, hätte es für mich nicht runder sein können und ich war nahe dran, dem Autor eine eMail zu schreiben!

Die Sandwitwe von Derek Meister, erschienen im Mai 2016 im Blanvalet Verlag, 383 Seiten, ISBN: 978-3-7341-0061-1

[Buch] Santiago liegt gleich um die Ecke

 

[Buch] Santiago liegt gleich um die Ecke

Der Autor Stefan Albus erklärte kurzerhand die Stadt Trier zu seinem Santiago und pilgerte los. Von der Haustür aus startete er in Dortmund, um 23 Tage später in Trier anzukommen. Die rund 400 km bewältigter Weg hält er hier in diesem Buch fest. Dabei erlebt er allerhand ernüchterndes, kurioses, trifft auf skurrile Menschen, schüttelt Heino die Hand und lässt an all dem seine Leser teilhaben.

Pilgern muss nicht immer was tief religiöses haben oder zu wahnsinnigen Eingebungen führen. Scheinbar mit Reisszwecken gefüllte Schuhe gehören genauso dazu, wie ein zu schwerer Rucksack, der sich in den Rücken bohrt. Stefan Albus verpackt es allerdings in eine kräftige Portion Humor und es ist durchaus sehr erfrischend, unter all den Pilgerbüchern mal eines zu lesen, in dem der Autor tatsächlich die Wege läuft, die sich direkt um die Ecke befinden. Deutsche Pilgerwege sind nicht weniger spannend, als spanische. Wohl eher das Gegenteil ist der Fall, denn hierzulande steht der Tourismus nicht unbedingt an erster Stelle und der Hype darum findet eher in südlicheren Regionen statt. Gerade das macht dieses Buch lesens- und liebenswert. Und irgendwie eröffnet sich dem Autor dann doch noch die eine oder andere Erkenntnis.

Angereichert ist das Buch mit diversen Fotos, Kartenmaterial und einem Adressen- / Literaturverzeichnis. Aber entscheidend ist: es liest sich wie ein tatsächliches Tagebuch, was es für mich so sympathisch machte.

Dr. Stefan Albus ist 1966 geboren, lebt in Herne und arbeitet seit 1996 als Journalist, Ghostwriter und Redenschreiber. Seine Arbeit wurde u.a. mit dem Förderpreis zum Literaturpreis Ruhrgebiet ausgezeichnet.

Santiago liegt gleich um die Ecke – Pilgern in Deutschland von Stefan Albus, erschienen in 3. Auflage 2012 im Gütersloher Verlagshaus, 239 Seiten, ISBN: 978-3-579-06738-4

[Buch] Der klare Blick

 

[Buch] Der klare Blick

Stephan Harbort hat mit Der klare Blick – Mit dem Wissen des Profilers Lügen entlarven und richtige Entscheidungen treffen – dieses Mal ein etwas anderes Buch vorgelegt. Es unterscheidet sich dahingehend, als dass der Autor und führende Serienmordexperte neben den für ihn typischen Aufarbeitungen und Falldarstellungen, den Leser in die Methodik der operativen Fallanalyse einführt. Der Leser erhält so nicht nur kleine Einblicke in die Arbeit eines Profilers, sondern bekommt darüber hinaus ein Werkzeug an die Hand, welches ihm dabei hilft, „nüchtern und abwägend die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Die meisten Menschen verfügen über eine sogenannte „Alltagspsychologie„. Aufgrund unserer Erfahrungen, Einstellungen, etc. hilft sie dabei, uns im Leben zurecht zu finden, auf neue Situationen einzustellen und Entscheidungen zu treffen. Entgegen der wissenschaftlichen Psychologie, werden die jeweils aufgestellten Hypothesen allerdings nicht hinreichend geprüft, vielmehr entscheiden, be- und verurteilen wir rein intuitiv. So sehr uns diese Alltagspsychologie mit ihrer innewohnenden Geschwindigkeit durchaus im Leben hilft, so schnell kann sie allerdings auch zu vorschnellen Schlüssen und Entscheidungen führen. Es macht also durchaus Sinn, an der einen oder anderen Stelle das eigene Konzept zu durchbrechen und den Blick für die Gesamtheit der Situation zu schulen. Nicht immer ist das vermeintlich Offensichtliche auch das Wesentliche…

Aufgeteilt ist dieses Buch in sechs Kapitel. Allen voran ist ein Fallbeispiel aus der Arbeit des Autors gestellt. Anhand von Alltagsbeispielen (aus Familie, Ehe und Beruf) wird sich lebhaft vorgetastet, nach und nach die eigene Wahrnehmung geschärft und die Methodik gelehrt. Entsprechende Checklisten als Handlungsanleitung runden die jeweiligen Kapitel ab und helfen bei der Orientierung.

Der klare Blick ist flüssig zu lesen und durch die vom Autor gewählte Ausdrucksform auch leicht verständlich für interessierte Leser, die zuvor wenig Berührungspunkte mit dem Thema insgesamt hatten.

Und aller Thematik zum Trotz ist das Buch durchaus auch unterhaltsam:

Es ist im vorliegenden Fall von einer durchaus imponierenden Stressresistenz auszugehen.
Dieses Verhaltensmuster erscheint insgesamt deutlich infantil eingefärbt.

 

Wahrscheinlich wirken diese Sätze nicht halb so komisch, wie ich sie empfand, wenn das entsprechende Gedankenkino nicht dabei ist… In dieser Szene ging es um eine große Sauerei, welches die beiden Kinder – oder vielleicht auch die Katze – auf dem Wohnzimmertisch hinterlassen hatten. Bei der alltäglichen Fallbearbeitung war der Profiler bei der Sequenzanalyse angekommen, um den Täter zu entlarven. Und während ich mich innerlich schäumend, mürrisch und völligst genervt der Sauerei angenommen und in der Situation globalgalactische Schimpf- und Beschuldigungstiraden losgelassen hätte, bringt es Herr Harbort mal eben trocken auf den Punkt… Ich muss immernoch lachen, zumal ich zum Zeitpunkt des Lesens selbst aufgrund meines bevorstehenden Krankenhausaufenthaltes sehr unter Druck stand, demnach hätte ich in diesem Fall auch nicht so ruhig auf Spurensuche, bzw. in die Analayse gehen können. Egal…, ich schweife ab, aber dennoch oder auch umso mehr danke ich dem Autor für diese wunderbaren Sätze samt eigenem Kopfkino!

 

Der klare Blick – Mit dem Wissen des Profilers Lügen entlarven und richtige Entscheidungen treffen – von Stephan Harbort, erschienen März 2016 im Knaur Verlag, 288 Seiten, ISBN: 978-3-426-78762-5

[Buch] Ein möglicher Ort

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ (P. Watzlawick) – Konstruktivismus oder doch Psychose?

Der Autor Staphan Kaluza perforiert mit seinen Worten und Sätzen die Membran zwischen Wirklichkeit, Gedanken und Wahn. Irgendwann ist sie so zerstört und durchlässig, dass nichts mehr so ist, wie es scheint, man es erwarten würde oder sich wünscht. Ein Roman, welcher nicht nur unangenehm, sondern auch anstrengend ist.

[Buch] Ein möglicher Ort

Der Protagonist Yann verbringt als Fotokünstler und Paradiessucher viel Zeit alleine an seinem Schreibtisch. Mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms versucht er, die perfekte Idylle zu erschaffen. Da diese für ihn nur ohne jeglichen Menschen existieren kann, schneidet und retuschiert er gnadenlos alle heraus – insbesondere seine Ex-Freundin, nachdem die Beziehung gescheitert ist.

Eines Tages erhält Yann den Auftrag, für eine großangelegte Werbung eines Konzerns, im brasilianischen Regenwald die Rotschwanzamazone in freier Wildbahn zu fotografieren. Und wenn Yann schon nach Brasilien reist, dann kann er für seinen Freund Richard und dessen neues Projekt auch direkt den einflussreichen Autor Salvator Santos treffen und von ihm ein Foto machen. Alles war abgemacht und Yann begibt sich auf die Reise. Nicht nur, dass das Treffen mit Salvator Santos sehr eigenartig und verstörend verlief, so lernt Yann zu allem Überfluss auch noch Julie kennen. Als die beiden schließlich im Regenwald auf sich selbst gestellt sind, stößt Yann nicht nur an seine eigenen Grenzen, sondern vielmehr wird auf dieser Reise seine gesamte Existenz in Frage gestellt. Wessen Protagonist ist er eigentlich?

Die Idee und das Konzept des Autors, mit Realität, Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wahn zu spielen, fand bei mir durchaus Anklang. Allerdings geht es für den Leser ohne Vorwarnung direkt „in die Vollen“. Allzu schnell hebt der Autor dabei dermaßen die Grenzen auf, dass es nicht nur verwirrend, sondern durchaus auch anstrengend ist, der Story zu folgen, bzw. dem zu folgen, was man da eigentlich gerade liest. Ich habe zwei Ansätze gebraucht, um diesen Roman zu lesen. Beim ersten Mal brach ich nach der Hälfte ab, weil er mich nur noch nervte. Beim zweiten Mal las ich ihn durch. Dieses Buch ist nur allzu schwer in Worte zu fassen. Bei der Umsetzung der Idee kam ich selbst an meine Grenze. Zu lang die zusammenfassenden Textanteile, die irgendwann nur noch in ein „Wirrwarr“ zu führen scheinen. Zu kurz die Passagen, bei dem der Leser überhaupt eine Chance bekommt, dem Ganzen folgen zu können. Am Ende war es für mich ein bisschen so wie: „Treffen sich zwei Psychotiker, die von einem Psychopathen gelenkt werden.“

Diesen Roman kann man sicherlich auf verschiedenen Ebenen lesen…, was schon die durchaus aufwendigere Gestaltung des Buches erahnen lässt. Und vielleicht versteht man ihn besser, wenn man einen Blick auf den Autor wirft, denn Stephan Kaluza selbst ist Foto- und Performancekünstler, Maler, Theaterautor und Dozent für Regie am Mozarteum in Salzburg.

Ein möglicher Ort von Stephan Kaluza, erschienen 2015 bei der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, 320 Seiten, ISBN: 978-3-627-00222-0

[Buch] Der Cop

 

[Buch] Der Cop von Ryan David Jahn

Titel und Cover verraten schon, dass es sich bei Der Cop um einen Thriller handelt. Genauso ist die eigentliche Storyline denkbar einfach: Gut jagt Böse. Dieser Thriller beinhaltet dabei allerdings so viele gute und rasante Wendungen, dass er bis zur letzten Seite spannend bleibt.

Ian Hunds Tochter Maggie wurde aus ihrem Kinderzimmer entführt. Sieben Jahre ist das her und da seitdem jede Spur fehlte, wurde sie vor vier Monaten für tot erklärt und der Sarg ohne Leichnam beigesetzt. Doch dann klingelt Ians Telefon auf der Wache und am Ende der Leitung bittet seine Tochter Maggie um Hilfe. Kurz nachdem sie vage Angaben zu ihrem Entführer machen konnte, bricht die Verbindung ab. Ian, der die ganze Zeit nicht an Maggies Tod geglaubt hatte, nimmt die Verfolgung auf.

So weit, so durchschaubar. Die ersten 50 Seiten gehen noch in einem gemäßigten Tempo voran. Doch dann nimmt die Geschwindigkeit der Story zu und ehe sich der Leser versieht, befindet er sich mittendrin in einer sowas von schnellen Abfolge von Ereignissen, dass es nahezu unmöglich wird, von dem Buch abzulassen. Dabei baut R. D. Jahn tatsächlich sehr gute, teilweise überraschende Wendungen ein, so dass die Jagd spannend bleibt und er das Ende nicht direkt verrät. Der Autor hält den Spannungsbogen geschickt und lange hoch. Er fesselt den Leser, ohne ihn zu verwirren. Sehr gelungen!

Der Thriller ist aus gutem Grund im Hayne | Hardcore erschienen, denn die beschriebenen Szenen der Schusswechsel und das anschließende Aussehen der Körper lassen Bilder im Kopf entstehen, die was für Fans der etwas blutigeren und detaillierteren Darstellung von Körperfragmenten sind.

Einziger Kritikpunkt könnte sein, dass sich auf den ersten Seiten ein paar Sätze wiederholen. Doch dieses erklärt sich später durch die Anmerkung des Autors, dass der Thriller um ca. 50 Seiten gekürzt wurde und ich denke, dadurch kam es zu dem etwas „holprigen“ Start. Dieses wird aber durch den weiteren, sehr rasanten Verlauf mehr als wieder gut gemacht.

»Spannend bis zu letzten Patrone«, verspricht der Stern mit einem Satz auf dem Cover. »Stimmt!«, sage ich.

Der Autor R. D. Jahn verließ bereits mit 16 Jahren die Schule und arbeitete in einem Plattenladen. Seit 2004 arbeitet er als Drehbuchautor. Sein Debütroman „Akt der Gewalt“ wurde mit dem Debüt Dagger Award ausgezeichnet.

Der Cop von Ryan David Jahn (übersetzt von Ulrich Thiele) erschien 2014 beim Heyne-Hardcore-Verlag, 336 Seiten, ISBN: 978-3-453-43640-4

[Sach-Buch] Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft

 

[Sach-Buch] Denken - Wie das Gehirn Bewusstsein schafft

Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete versuchen schon seit Jahren, hinter das „Geheimnis“ von Gehirn und Bewusstsein zu kommen. Aufgrund der verschiedenartigen Strömungen, liegt bis heute keine einheitliche Definition zum Bewusstsein vor.

Stanislas Dehaene ist Neurowissenschaftler. Sein Schwerpunk liegt in der numerischen Kognition und in der „Theorie der neuronalen Korrelate des Bewusstseins“. Er gilt als weltweit führend und zählt zu den einflussreichsten Forschern in der Kognitionswissenschaft. Mit seinem hier vorliegenden Buch gibt Dehaene einen Überblick zum aktuellen Stand der Bewusstseinsforschung.

In sieben Kapiteln zeichnet der Autor detailliert die Strategie nach, „[…]die ein philosophisches Mysterium in ein Laborphänomen verwandelt hat.“. (S. 17)

In seinem Buch Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft führt Dehaene den Leser an die unterschiedlichen Stadien des Bewusstseins heran. Noch immer ist dieses Gebiet zu groß und zu unerforscht, als dass es ein allumfassenden Werk geben könnte. Obwohl Dehaene zwischendurch Teile aus der Philosophie und der Psychologie benennt, vernachlässigt er diese weitestgehend. Gemäß seines Fachbereiches, konzentriert sich Dehaene in seiner Arbeit hauptsächlich auf die Mess- und somit Nachweisbarkeit (z.B. durch bildgebende Verfahren), um so einen relativ deutlich erkennbaren Teilaspekt des Bewusstseins darzustellen.

Dabei bezieht sich Dehaene auf die Theorie des globalen Arbeitsraums (Baars, B. (1986): A cognitive theorie of consciousness, NY: Guilford Press), in der davon ausgegangen wird, dass weite Teile in der Informationsverarbeitung vor- und unterbewusst ablaufen, ehe sie im „globalen Arbeitsraum“ bewusst werden und somit weiteren kognitiven Prozessen zur Verfügung stehen.

Darauf aufbauend, entwickelt Dehaene eine neue empirische Theorie über die Wahrnehmung und das Denken. Er zeigt anhand von Studien und Versuchsergebnissen, welche messbaren Spuren / Signaturen im Gehirn vorhanden sind um deutlich zu machen, auf welche Art und Weise Bewusstsein im Gehirn überhaupt entsteht und wie es durchaus auch manipuliert werden kann. Des Weiteren beschäftigt er sich damit, wie dieses gewonnene Wissen im Kontext Koma-Patienten eingesetzt werden kann oder welches Bewusstsein Säuglinge haben.

Sicherlich streitbar sind seine kleinen Ausführungen und Erklärungsversuche zum Erkrankungsbild der Schizophrenie am Ende des Buches und der Ausblick auf die künstliche Intelligenz. Aus seiner Sicht absolut nachvollziehbar, stellt sich dennoch die Frage, ob alles alleine durch diese Theorie erklärbar ist?

Dieses Buch kann nicht das gesamte Feld beleuchten und kann auch keine allumfassende Erklärung / Antwort zur Frage „Was ist Bewusstsein?“ geben, dafür ist der Bereich zu groß und es bedarf weiterer Forschung. Aber es bietet in seinem Teilbereich einen Überblick, wichtige Informationen und Erkenntnisse. Es ist durchaus ein wirklich sehr guter Beitrag zur weiteren (Bewusstseins-)Diskussion.

Wie bei derlei Publikationen üblich, wird hier ein wenig Vorwissen vorausgesetzt und ist sicherlich auch sinnvoll. Dennoch wird dem interessierten und wirklich geneigten Leser (auch als Laie) der Zugang zu diesem spannenden Feld nicht verwehrt bleiben, zumal es sehr flüssig geschrieben ist. Selbstverständlich finden sich am Ende umfangreiche Ausführungen zu den Anmerkungen, Nachweise zur Literatur und den Abbildungen, sowie ein entsprechendes Register.

Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft“ von Stanislas Dehaene (übersetzt aus dem Englischen von Helmut Reuter), erschienen 2014 im Knaus Verlag, 480 Seiten, inkl. s/w – Abbildungen, ISBN: 978-3-8135-0420-0

Bücher und Menschen


Bücher und Menschen...

… man muss sie zur rechten Zeit treffen!

Während eines Cuxhavenaufenthaltes im Frühjahr, lernte ich zwei wundervolle Menschen kennen. Wir sahen und verstanden uns und ich würde sagen, daraus hat sich sofort eine Verbundenheit auf einer ganz besonderen Ebene entwickelt.

Irgendwann während des Kennenlernens, erwähnte ich P. gegenüber, dass ich mal eine Tour mit meinem Hund geplant hatte (Von Dortmund nach Cuxhaven – zu Fuss). Und „schwupp“, hatte ich von ihm ein Buch in die Hand gedrückt bekommen:

Deutschland umsonst – Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“ von Michael Holzach.

Das Buch ist völlig vergilbt, die Seiten schon angelaufen, das Cover zerschlissen und geknickt. Das Exemplar, welches ich in der Hand halte, ist bereits 30 Jahre alt. Der Inhalt selbst noch älter – 1982 ist es erstmals erschienen. Damals ist es wohl schnell zum Kultbuch avanciert. Mir selbst ist der Status des Buches egal – ich liebe es! Es kam genau richtig und mir ist es auch egal, dass hier noch so drei oder vier Bücher darauf warten, erwähnt zu werden, da ich sie schon längst ausgelesen habe. Dieses Buch hat genau hier und jetzt seinen Platz und seine Zeit gefunden und verdient!

Während sich draußen in der Welt die Menschen aufregen, ich selbst einem Nervenzusammenbruch bei meinen ganzen Arztterminen (bei und mit denen es ja nie so läuft wie es sollte) immer näher komme, bin ich gestern mit diesem Buch einfach mal abgetaucht und habe allem und allen mal gepflegt meinen Mittelfinger gezeigt.

Michael Holzach ging zu Fuß und ohne Geld einmal durch Deutschland. Am ersten Tag holte er seinen künftigen vierbeinigen Wegbegleiter Feldmann aus dem Tierheim ab und startete in Hamburg. Und Dank seines Reiseberichtes konnte ich ihn begleiten. Mit seinem Buch gab er mir genau das, was ich in dem Moment brauchte. Und er tat genau das, was ich mich wohl nie trauen werde: er ist einfach losgegangen, ohne irgendwas im Vorfeld zu planen. Mit einfachen Sätzen schildert Holzach seine Tour. Er erzählt von seinen Begegnungen, wie er in Scheunen übernachtete, wie er aus Versehen zum Doppelagenten bei einer Nato-Übung wurde, wie er sich was zum Essen organisierte, aber auch von seiner Scham, die es ab und an zu überwinden galt. Von der ablehnenden Haltung im Wohlstandsland, argwöhnischen Menschen – kurzum: er ist zum Tippelbruder geworden. Sechs Monate auf den Landstraßen und quer durch die Städte war er unterwegs.

Unter anderem führte ihn sein Weg durch Dortmund. Holzach ist an der Emscher (einem Fluss) entlang gelaufen. Diese führte ihn nach Aplerbeck. Genauer zur psychiatrischen Klinik, die im gesamten Ruhrgebiet bekannt ist. Noch heute sagt man hier einfach „Aplerbeck“, als Synonym dafür, wenn man meint, der andere wäre „nicht ganz dicht im Oberstübchen“. Das wird sich wohl auch nicht ändern, hier im Pott.

Da mich gestern dieses Buch überall hin begleitete, saß ich nun also bei meinem Zahnarzt erneut im Wartezimmer und schlug es auf. Auf Seite 117 war ich „stehen geblieben“. Die ersten beiden Worte, die ich las waren „Dortmund – Huckarde“. Oh ha, das war schon fast unheimlich, wobei es genau genommen aber eigentlich mein Gefühl für dieses Buch bestätigte. Der Ort, an dem ich mich gerade befand, exakt in dem Moment, als ich die ersten beiden Worte las war: „Dortmund – Huckarde“. Derlei Momente gab es einige für mich in diesem Buch – unglaublich!

Und während Holzach von seiner Emscher-Wanderung schreibt, schießt mir ein längst vergessener Name durch mein Kopf: Herr K.. Herrn K. hatte ich vor vielen Jahren hier im Park kennengelernt. Wir begegneten uns häufiger mit unseren Hunden und kamen ins Gespräch. Damals war ich nur noch genervt von dieser Deutschen Großstadt und fühlte mich hier gar nicht wohl. Genau genommen hatte ich sogar Fluchtgedanken, aber stattdessen dehnte ich meinen Frust einfach auf die gesamte Menschheit aus. Eines lieben Tages also, sprachen Herr K. und ich miteinander und völlig unreflektiert meinte ich zu ihm: „Ich mag die Menschen nicht.“, Herr K. erwiderte nur, dass das aber nicht sein könne und lud mich kurzerhand zum Frühstück ein. Schnell Brötchen besorgt und während ich noch Einwände stammelte, vonwegen, dass wir seine Frau doch nicht einfach mit mir als Gast überfallen können, und er nur meinte, dass sie schon immer ein recht offenes Haus gehabt hätten und sich seine Frau schon nicht wundern würde, fand ich mich an deren Tisch wieder. Fortan freute ich mich, wenn ich sie traf. Herr K. hatte sich auch viel mit der Emscher beschäftigt. Sogar mal ein Buch über diesen Nebenfluss herausgebracht. Und da ich mich zu erinnern meinte, dass er mir damals ein Exemplar davon gab, kam es, dass ich am Abend meine Bücherregale nach genau diesem Buch durchsuchte. Längst hatte ich es vergessen geglaubt. Aber wiedergefunden habe ich es leider nicht. Schade. Jetzt hätte ich es gelesen! Herr K. verstarb plötzlich und schnell an einem Herzinfarkt eines morgens, ich hatte seine Frau am nächsten Tag im Arm gehalten bei meinem hilflosen Versuch, sie zu trösten.

Gestern Abend googlete ich noch ein wenig nach weiteren Informationen. Unter anderem fand ich eine Rezension, die dieses Buch sehr politisch erläuterte. Der Gedanke daran, dass selbst dem Autoren manch eine politische Diskussion in diesem einen Moment herzlich egal war, in dem er Hunger litt oder einen Schlafplatz benötigte, beruhigte mich ein wenig. Denn offen gesagt: die Frage, ob und wieviel sich verändert hat in diesem sog. Wohlstandsland, würde ich jetzt gerade nicht diskutieren wollen. Ein anderer Leser schrieb, dass er dieses Buch zwar nett fand, es aber bestimmt nicht zum „Kultbuch“ erheben wollen würde. Ich sag mal so: 30 Jahre später habe ich dieses Buch in die Hand genommen und gelesen. Es hat einiges in mir losgelöst und ich hätte noch ewiglich weiter lesen wollen. Wenn man das so schreiben kann, dann fühle ich mich diesem Buch verbunden. Und an dieser Stelle will und muss ich nicht objektiv sein. Damals ist es an mir vorbei gezogen, jetzt ist es da (Danke an M. und P. aus E.) und ich bin froh, dass ich es gelesen habe! Darüber hinaus finde ich es schade, dass ich so ein verdammter Schisser bin, um nicht selbst in irgendeiner Form einfach mal zu MACHEN und loszuziehen, statt immer nur darüber nachzudenken.

Es war nicht das erste Mal, dass Holzach loszog. So hat er schon einmal ein Jahr lang bei den deutschen Hutterern in Kanada gelebt und darüber geschrieben: Das vergessene Volk – Ein Jahr bei den deutschen Hutterern in Kanada.

Es folgte u.a. das hier vorliegende Buch. Dieses wird ab September ´15 wieder zu erwerben sein beim Hoffmann und Campe Verlag.

Holzach wurde 1947 geboren, studierte Sozialwissenschaften, war Reporter bei der ZEIT und seit 1978 freier Schriftsteller. 1983 verunglücklichte er in Dortmund tödlich, bei dem Versuch, seinen Hund Feldmann aus dem Kanal zu retten. Feldmann überlebte.