Furzgeflüster

Das Treffen

Vor ein paar Tagen besuchte ich ein befreundetes Paar. Es waren einige Jahre vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten und ich freute mich sehr auf dieses Treffen. Gerade körperlich angekommen, drehte ich auch schon auf und erzählte und erzählte… Geistig war ich noch nicht da, hing immernoch in den ganzen Job-Stress-Geschichten der letzten Tage und Wochen fest und konnte gar nicht mehr aufhören zu reden. Anstatt zu fragen, wie es Ihnen geht und auch mal zuzuhören, kam ein Schwall nach dem anderen aus meinem Mund. Das Resultat der Hirnverbindungen, welche ich in dem Moment kaum stoppen konnte.

Während sie mir zuhörten und an einigen Stellen nachfragten, schaffte ich es nicht, einen Dialog zu führen. Vielmehr sprudelte es weiter aus mir heraus, während sich wenigstens ein Teil meines Hirns bemerkbar machte und die Frage aufwarf, was ich da eigentlich tat? Hatte ich mich so auf das Treffen gefreut, war ich jetzt mittendrin, es zugrunde zu richten und mein Gegenüber nur noch anzustrengen. Etwas, was ich eigentlich so gar nicht wollte, was ich aber jetzt zum wiederholten Male durchzog (ich winke mal dezent nach Bayern) und daran merkte, wie hoch mein Stresslevel noch immer war und ich mir selbst unangenehm wurde…

„Runter kommen!“, bemerkte mein Hirn jetzt immer hartnäckiger werdend an.

Ich schaute auf ihren Hund, der mir ruhig schlummernd zu Füßen lag. Alt ist die Hündin geworden und ihre Bewegungen sind durch die Knochen lahmer und staksiger geworden und während ich sie am Hals kraule, erzählte ich weiter. Von meinen Vorhaben, Ideen und Plänen. Und dass ich mich drauf freue und dann…

… dann schaute mich Peter an, ruhig lehnte er sich zurück und kündigte seine Frage mit den Worten „Ich will Dir jetzt nicht zu nahe treten, verstehe mich nicht falsch, aber ich wollte das schon länger mal sagen, bzw. nachfragen…“ an: „Warum willst Du das machen, anderen was zum Hund erzählen und erklären? Du hast zwei Hunde, die aus dem Ruder laufen und muss man nicht selbst seine Hunde gut erzogen haben, damit man auch glaubhaft rüberkommt?“ Und dann schließt er mit den Worten: „Ich selbst würde das erwarten und nehme doch jemanden ernster, der das auch vorleben kann.“

Und während ich versuche, ihm zu erklären, wo der Unterschied liegt, merke ich, wie holperig ich geworden bin. Wo war meine Geschmeidigkeit geblieben, mich in Worte fassen zu können um die für mich elementaren Unterschiede zwischen einer „formalen Erziehung“ und einer „sozialen Er-/Beziehung“ herauszustellen? So stolperte ich durch meine Antwort und ich schaffte es irgendwie, das ganze zumindest so hinzukriegen, dass es für Peter nun einen Sinn ergab und er mich jetzt nachvollziehen konnte.

Peter, ich danke Dir! Für Deine ehrliche Bemerkung und für die Frage(n)!

Alte Frage(n)…

Die Frage(n) waren tatsächlich nicht neu. Ich erinnere mich noch allzu gut an die Zeit, in denen ich so aktiv in unserem Forum geschrieben und erklärt habe. Wie ich eine Zeit lang nicht verstanden habe, warum man mich nicht verstanden hat. Wie ich wortgewandte Texte veröffentlichte und es überhaupt nicht verstand, dass es Menschen gab, die nicht das fühlten, was ich fühlte, nämlich diese ehrliche und tiefe Verbundenheit zum Hund. Die, die ich immer wieder als Basis von allem bezeichnete.

Dieses Fühlen und das Miteinander brauchten kein „Sitz, Platz, Aus“. Diese „klassischen Erziehungsfragen“ nach dem „Wie mache ich, dass der Hund dieses oder jenes tut oder eben unterlässt?“ stellten sich mir in dieser Form anfangs gar nicht, weil wir zusammen lebten, der Hund und ich. Und da war doch ich? Ich war doch präsent und da, mit meinem Hund? Und wieso stellen sich doch solche Fragen bei anderen Hundehaltern?

Erst im weiteren Verlauf versuchte ich, diese Fragen zu beantworten. Scheiterte aber immer wieder an dem „Das müssen sie doch fühlen, wie soll man das denn beschreiben? Und wo sind sie denn, wenn nicht mit ihrem Hund?“. Darum diese vielen Texte, der Versuch, die Basis zu erklären.

Oh, auch ich habe unglaubliche Mengen an Büchern. Ja, auch gelesen. Ich finde und fand es schon immer spannend, mir möglichst viel anzulesen zu Themen, die mich interessieren. Ich wollte wissen, wie ein Hund tickt, so richtig. Also belegte ich Kurse, in denen ich lernte, ein Ethogramm zu erstellen, etwas über Verhaltensbiologie und /- Ökologie, Domestikation, Entwicklung, Lernen und Gedächtnis und dergleichen mehr zu erfahren. Aus sogenannten „Ratgebern“ oder „Trainingsanleitungen“ suchte ich manchmal Anregungen raus oder las auch bewusst alte Bücher über Jagdgebrauchshundeausbildung, um die Entwicklung zu sehen. „Methoden und Trends“ nahm ich zur Kenntnis und mischte dort manchmal in Diskussionen mit.

An alle, die mich schon länger kennen: sorry, mit dem Klicker kann ich bis heute nicht umgehen und es ist mir immernoch fremd, diesen bei meinem Hund einzusetzen.

Einen Unterschied gibt es allerdings zu heute: meine beiden Hunde Hermine und Spunk hörten super! Sie waren wildrein, konnten nahezu immer frei laufen und wir bildeten ein gutes Trio. Wir waren uns selbst genug und konnten stundenlang alleine durch Feld und Wald wandern. Wir hatten eine gute Beziehung.

Peters Frage war berechtigt, denn mit meinen Hunden Marie und Lotte läuft es ja nun gerade nicht so vorbildlich, wie man meinen könnte…. Dabei fällt mir ein, dass ich noch immer nicht den 2. Teil von Marie während unseres Urlaubs im Freistaat geschrieben habe. Sie ist und bleibt eine Jagdsau, wenngleich das Miteinander besser geworden ist, seit dem wir beim Tierarzt waren und der eine Lösung des nunmehr fünf Jahre andauernden Rätsels diagnostiziert hat. Mein Hund und ich schlucken nun beide unser weiteres Leben lang unsere Schilddrüsenmedikamente… Irgendwie bezeichnend, dass es ausgerechnet uns getroffen hat!

Bei Lotte kokettiere ich ja gerne damit, dass sie nun ein GPS trägt und mich auch schon drei Mal hat alleine stehen lassen. Im Wald. Anfangs noch gelassen, wurde mir doch anders zumute, als ich merkte, wie weit sie gerade mal weg war. Gekoppelt mit den Erfahrungen, dass dieser Hund irgendwie eine andere Wahrnehmung hat als andere Hunde und in der Vergangenheit einmal einfach auf dem Spaziergang zur Seite kippte und kurzfristig ohnmächtig war und ein anderes Mal frontal mit dem Kopf gegen eine Steinmauer rannte und das Resultat ebenso eine Ohnmacht war, machte ich mir dann doch einige Gedanken mehr. Jo, dieser Hund kann richtig gucken und auch sonst ist mittlerweile alles gut bei ihr.

Und dennoch, wenn man mal von den rassetypischen Verhaltensweisen absieht, dann ist es bei uns doch ein wenig ausgeufert, was unser Zusammenleben angeht. Es geht mir immernoch nicht darum, ob dieser Hund „Sitz“ oder „Platz“ kann. Sondern vielmehr darum, dass sie mir allzu oft mit ihrem Blick und dem dann folgenden Verhalten die Mittelkralle zeigt. Sie macht ihr Ding und das konsequent und vehement. Und ich reagiere oder auch nicht (beispielsweise, wenn ich alleine zurück gelassen werde). Diese Reaktionen sind für sie dann so manchesmal nicht wirklich verständlich und nachhaltig schonmal gar nicht. Genau genommen sind sie sogar unfair dem Hund gegenüber, weil sie diese Reaktionen nicht verstehen konnte!

Was war passiert? Oder besser noch: was war nicht passiert?

Die letzten Jahre hatte sich mein Leben massiv verändert. Ich hatte Jobs, die mich sehr forderten und so blieb einiges von dem, was mir eigentlich wirklich wichtig war und ist „auf der Strecke“. Klar hatte ich irgendwie eine Beziehung zu meinen Hunden und irgendwie managten wir auch unseren Alltag. Aber eben nur irgendwie und nicht so, wie es mir entsprach und wie ich es mir wünschte. So schummelten wir uns durch die letzten beiden Jahre, drehten unsere Runden, beteuerten uns gegenseitig, wie toll wir sind – aber wirklich mehr passierte nicht. Das reicht aber nicht!

… neuer Ruck

Immer häufiger ertappte ich mich die letzten Wochen dabei, wie ich sagte: „Ja, da muss ich nochmal einen nachlegen…, ich weiß, das ist nicht so optimal und ich habe keine Lust darauf, zwei Hunde zu haben, die nicht ableinbar sind….“, und dergleichen mehr. Ich hatte mir vorgenommen, etwas mit meinem Hund zu tun.

Und so nahmen wir uns Zeit, zogen alleine in den Wald. Nachdem ich bald selbst in das reingetappt war, was ich in der Vergangenheit nicht verstand, holten wir uns das zurück, was wichtig ist: unsere Basis!

Wir haben wieder Spaß zusammen, entdecken nochmal neu und sind gemeinsam unterwegs. Noch immer nicht an „Sitz“ und „Platz“ interessiert, schenken wir uns wieder Aufmerksamkeit und achten (auf-)einander.

Ich fange wieder an hinzuhören und zu fühlen, Lotte nimmt es an und in den bisher folgenden Freiläufen blieb sie bei mir. Das heißt mit Sicherheit noch nicht, dass sie nicht doch mal abgehen wird, wenn der Reiz groß genug ist. Aber wir haben unseren Weg wieder gefunden und ich endlich wieder die faire Art, ihr zu zeigen, was ich möchte und was eben nicht.