Wunschvorstellung und Realität

Als ich eben in die Küche ging, den Knopf an unserem Kaffeevollautomaten drückte und mir dachte: „Heute mache ich es mir gemütlich und werde nichts anderes tun, als mich in den Garten zu setzen und zu lesen.“, musste ich schon bald lachen. Soweit sind Realität und Wunschvorstellung voneinander entfernt: während ich mich auf den frisch gezapften Kaffee freue und die Vorzüge zu schätzen weiss, wünsche ich mir gleichzeitig, ich würde endlich wandern gehen. So richtig lange, sowas wie pilgern ohne religiös zu sein: Fernwandern. Das hat ein wenig was von Heim- und Fernweh gleichzeitig. Gibt es sowas?

Jetzt gerade sitze ich unter dem Sonnenschirm und werde schon beim Gedanken daran, mit schwerem Rucksack loszulaufen und Kilometer zu machen, ganz müde… Fange ich doch schon an zu stöhnen, wenn die Hunde mich an der Leine hinter sich herzerren. Oder wie ich mich auf einen leckeren Latte Macchiato freue, wenn ich gerade mal fünf Kilometer gebummelt bin. Und doch packt mich der Gedanke immer wieder…

 

Wer kennt dieses Buch nicht oder aber den Film?! Eine Frau alleine auf dem PCT, dem Pacific Crest Trail. Und sie zieht es durch!

So wie ich es durchziehe, diese Bücher zu lesen und mich der Sehnsucht hinzugeben… So langsam reihen sie sich aneinander:

  • „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling (natürlich!)
  • „Deutschland umsonst – Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“ von Michael Holzach
  • „Santiago liegt gleich um die Ecke – Pilgern in Deutschland“ von Stefan Albus
  • „Pilgern für Skeptiker“ von Jean-Christophe Rufin
  • „Der große Trip“ von Cheryl Strayed

Und jetzt aktuell:

  • „Laufen. Essen. Schlafen. – Eine Frau, drei Trails und 12.700 Kilometer Wildnis“ von Christine Thürmer

Zwei Zauberworte sind für mich Alleine und Wildnis.

Gerade über das zweite Wort habe ich die letzten beiden Tage viel nachgedacht. Bei der Gartenarbeit… Wer immer behauptet, Gartenarbeit würde Spaß machen und es sei so entspannend, in der Erde zu graben: was genau sind denn das für Gedanken in Euren Köpfen? Während ich mir das zum Mantra machen wollte, wie entspannend Gartenarbeit doch sei, schossen mir immer wieder andere Gedankenfetzen dazwischen:

„Was bitte ist so toll daran, wenn ich ständig an Büschen rumschneide und der vermeintlichen Natur vorgebe, wie sie bitte zu wachsen habe? Wer bin ich denn, dass ich das bestimme? Boah, ich habe keine Lust mehr! Diese Drecksgartenschere muss mal geölt werden… Meine Güte, so langsam tut mir mein Rücken weh. Da bekommt man doch ne Sehnenscheidenentzündung! Was ist eigentlich so schön an einem Blumenbeet? Diese Kackrosen! Dieser hässliche Rhododendron ist mir schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Endlich fertig mit dem Scheiss, morgen mache ich aber nichts mehr…!“

Liebe Gartenfreunde: diese Arbeit hat so gar nichts mit Natur oder gar Wildnis zu tun. GAR NICHTS! Und mit Verbundenheit zu eben jener auch nicht. Da lasse ich doch lieber Beet Beet sein und die Kirschlorbeerhecke ist mir auch schnurzegal (jetzt habe ich sie ja auch geschnitten und wieder nen halbes Jahr Ruhe…): da gehe ich lieber fünf Stunden durch den Wald und stelle mir die bange Frage, wo sich denn aktuell wohl gerade die Wildschweine aufhalten dürften?

Alleine – müsste bei mir eher heissen „ohne menschliche Begleitung“, denn meinen Hund Lotte hätte ich schon gerne bei der Wanderung dabei. Meinen kleinen Breitmaulfrosch…, der bis vor Kurzem noch nicht einmal richtig lahmfrei laufen konnte. Den mindestens zwei Tierärzte schon kaputt-operieren wollten, unter der Überschrift „Es könnte sein, dass… Wir machen die mal auf.“ Oh, wie gut, dass ich auf niemanden gehört habe und lieber wacker zur Osteopathin fuhr, die sie wieder zurecht schob und ruckelte. Ja, ich werde nicht müde, dieses immer und immer wieder zu betonen.
Dieser Hund, der mich dazu brachte, tatsächlich ein Massageseminar zu besuchen. Wer hätte gedacht, dass ich das mal sagen würde, dass ich wegen meinem Hund zu einem Seminar gehe? Sonst war meine Motivation dabei eher instrinsisch.

Aber das Seminar war klasse! Es hat wirklich Spaß gemacht und alles war perfekt vorbereitet und organisiert. Hätte ich nicht schon andere Pläne, könnte ich mir gut vorstellen, dort tiefer einzusteigen. In die ganze Thematik. Dabei hatte ich mir im Vorfeld schon einige (berechtigte) Gedanken gemacht, dass Lotte und ich ein wenig das Seminar crashen könnten. Sie ist ja nun nicht gerade für eine dezente Zurückhaltung bekannt…  Eher im Gegenteil. Lotte aber zeigte sich von ihrer charmantesten Seite und während des ganzen Theorievormittages lag sie (als wäre sie schon ein Seminarprofi und nicht zum ersten Mal dabei) neben mir und schien sehr entspannt zu sein. Ab dem Mittag schwand dann ihre Nervenstärke etwas, gekoppelt mit dem, dass sie sich nun sicherer fühlte, kommentierte sie – zusammen mit einem Hundekumpel – so einiges, was sich außerhalb des Seminarraums abspielte. Dabei war sie so dermaßen müde, dass sie immer zur Seite kippte, während sie noch versuchte gegen den Schlaf anzukämpfen. Damit hatte Lotte durchaus Unterhaltungswert und amüsierte andere Teilnehmer. Als es dann endlich an die Praxis und damit an die Massage ging, war Lotte an dem Punkt, dass sie ganz klar meinte: „Nö!“. Das galt es dann für mich zu akzeptieren (ich erwähne jetzt auch nicht, dass sie der einzige von 10 – 15 Hunden war, der sich nichts massieren ließ – so ist sie eben), alles andere machte eh keinen Sinn. So stolz ich war, dass wir bis hierhin gekommen waren, saß ich dann doch ein wenig zerknirscht im Eck, mit Lotte kerzengerade an der Leine, während andere Hunde wohlig brummend auf der Seite lagen. Eine Frau erkannte meine etwas missliche Lage und stellte mir kurzerhand ihren Hund zur Verfügung. Das war großartig! So konnte ich doch noch „Hand anlegen“ und das auch noch bei einem Hund, bei dem wirklich alles zu fühlen und zu sehen war. So konnte ich nicht nur eine völlig platte Lotte wieder mit nach Hause nehmen, sondern auch die Sicherheit, dass meine Grifftechnik nun stimmig ist. Rundherum war es ein gelungener Tag. Lotte und ich werden übrigens im November wieder hinfahren. Dann besuchen wir das Seminar zur „Dorntherapie“. Das hatte ich schon im Vorfeld gebucht, aber nachdem ich letzte Woche versehentlich Lottes Schulter wieder in die richtige Position brachte und sie seit dem nicht mehr so rumeiert beim Laufen, passt es noch mehr. Falls es jemanden interessiert, Katrin Voßwinkel ist wirklich eine sehr nette Frau: Hundephysiotherapie.

Alleine mit Hund, um mal wieder auf das Thema zurück zu kommen…: Machen wir uns nichts vor: so ein richtiger Trail wie der PCT über die Bergkämme wäre für uns nichts. So ein Kamikaze-Hund wie Lotte einer ist (sie rannte schonmal frontal gegen eine Steinmauer!) würde ja in einer Dauergefährdung laufen und immer drohen, abzuschmieren. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob wir im Sommer bei Temperaturen von über 30 Grad laufen könnten, denn dann kippt sie mir womöglich dauernd um?! Hm…, noch sind wir ja auch nicht soweit. Jetzt bin ich ja schon glücklich, dass sie überhaupt so schön, ohne zu lahmen und so lange läuft! Und wenn es mehr so um Stille, Natur / Wildnis und Alleinsein geht, dann könnten wir ja auch erstmal ne einsame Hütte wählen… Und von dort aus los wandern – oder auch nicht.
So wie:

  • „In den Wäldern Sibiriens: Tagebuch aus der Einsamkeit“ von Sylvain Tesson

 

 

 

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