[Buch] Ein wenig Leben

„Endlich hab ich dieses vermaledeite Buch zu Ende gelesen.“
„Wieso, war es denn nicht gut?“
„Doch, aber anstrengend!“

 

 

Alles an diesem Buch ist zu laut, zu schrill, zu überzogen, zu überladen, zu viel, zu wenig, zu leise, zu wuchtig, zu anstrengend. Eine Übertreibung an allem. Und dennoch ist es genau richtig so, denn nur dadurch kann es so wirken und so viel auslösen im Leser.

Die Marketingstrategie dieses Buches ging voll auf, denn auch ich liess mich im Vorfeld anstecken, freute mich auf dieses Buch und konnte es kaum erwarten, endlich mit dem Lesen anfangen zu können. Und auch mir erging es so, dass mich schnell so eine Art Sog in dieses Buch hineinzog und ich es immer weiter lesen wollte. Dieses Buch „hat was“. Nur was? Ich kann es mir nach wie vor nicht richtig erklären, denn allzu schnell war ich auch gereizt, genervt, übersättigt und … manchmal sogar gelangweilt von all den Entschuldigungen sämtlicher Protagonisten. Es ging soweit, dass ich dachte, ich müsse ausflippen, wenn auch nur noch einer in meiner Umgebung die Worte „Es tut mir leid, es tut mir so leid!“ wählen und aussprechen würde.

Dieser Roman ist exzessiv, er macht mürbe. Aber genau das wollte doch erreicht werden?

Vier Freunde aus der Collegezeit

Jude, Willem, JB und Malcom – sie alle verbindet eine Freundschaft. Schnell wird aber klar, dass Jude den größten, den intensivsten und damit auch schmerzvollsten Part übernehmen würde. Die tiefe Verbindung zu Willem (oder vielmehr die Willems zu ihm) und wenn aus Freundschaft Liebe wird.

Jude hat mich wahnsinnig gemacht. Er mit seinem schweren Schicksal, bei dem man meint, es könne nicht mehr schlimmer kommen. Und dann kommt doch noch mehr und es wird schlimmer und man stellt sich zwangsläufig die Frage, wie viel ein Mensch ertragen kann, zu ertragen bereit ist? Ich wollte Jude nach dem ersten Anflug von Ungeduld schütteln, wollte ihm sagen, er solle jetzt endlich mal aufhören mit seiner Geisselung, ich wurde wütend und ich hätte ihm eine runterhauen wollen, mich umdrehen, abwenden und sagen wollen „Es ist Deine Entscheidung, lebe damit oder lasse es bleiben!“. Ich hätte mich zu ihm setzen wollen, gemeinsam mit ihm schweigen, ihm sagen wollen „Ich verstehe Dich.“, vielleicht sogar den Arm um ihn legen wollen.

Und genau deshalb ist dieses Buch so geschrieben worden, wie es geschrieben wurde – für diese Achterbahnfahrt, dieses Nachvollziehen können. Und gerade weil es immer und immer weiter macht mit seinen Schilderungen, die einen an den Rand bringen – sogar an den, dass man diese Aggression verspürt, man sich aber selbst wieder zurück nimmt, um eben nicht genau so zu reagieren, wie es provoziert wurde, ist es so anstrengend. Ich glaube fast, dass dieses nicht erreicht hätte werden können, wenn es nicht immer noch schlimmer gekommen wäre, sondern der Roman zwar mit all der Ausgeburt der Schicksalshölle geschrieben worden, aber letzten Endes doch vor sich hingeplätschert wäre.

Von der Wahrscheinlichkeit wie ein Leben verlaufen kann

In vielerlei Hinsicht ist dieser Roman realistisch. Sogar so, dass ich denke, dass es genau so laufen kann, sogar läuft bei einem Trauma, das so tief liegt, dass es nicht bewältigt werden kann. Schon aufgrund meines Jobs (oder meiner Persönlichkeit?) gibt es kaum etwas, was mich überrascht im menschlichen Denken und Handeln. Egal wie unerklärlich es auf den ersten Blick erscheint, so nachvollziehbar ist es auf dem zweiten.

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ein Mann im Erwachsenenalter von einem sehr erfolgreichen Herren adoptiert wird? Um einen Erben zu haben, um ein Loch zu füllen, um die Liebe und den Respekt auszudrücken? Wie wahrscheinlich ist es, dass man trotz der verkorksten Kindheit, nahezu ohne Schulbildung, ein erfolgreicher Anwalt wird? Dass alle Protagonisten auf kurz oder lang total erfolgreich und berühmt werden? Sie alle über Traumjobs verfügen und genau das tun können, was sie wollen? Dass sie immer an den Richtigen / an den Falschen geraten? Dass es niemanden überrascht – egal in welcher politischen Epoche sie leben -, wenn aus besten Kumpels homosexuelle Beziehungen entstehen? Wenig wahrscheinlich…. Dieser Roman hat aber sicherlich auch gar keinen Anspruch darauf, als „Tatsachenbericht“ zu gelten, vielmehr will er übertreiben und diese Unwahrscheinlichkeit wird zur Nebensache. Es passt ins Gesamtkonzept und damit überrascht es nicht wirklich.

Entgegen der allgemeinen Annahme, dass diese Geschichte einen zum Weinen bringt und man unbedingt mit jemanden sprechen wollen würde, wenn man sie durchgelesen hat, musste ich weder weinen, noch hatte ich ein Bedürfnis tatsächlich zu reden. Vielmehr entstand der eingangs wiedergegebene Dialog mit meinem Mann und ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass ich es endlich geschafft hatte, als ich die letzte Seite zuklappte. Es ist nicht so, dass ich meine, dass dieses Buch nicht gelesen werden muss, ebenso wenig, wie es unbedingt gelesen werden muss. Neben diesem Sog es unbedingt weiter lesen zu wollen, war ich durchaus so aufgewühlt, wie es im Vorfeld angekündigt war. Aber aufgewühlt aggressiv, weil ich mich an den Protagonisten reiben konnte, mit den Augen rollen, wütend war. So wütend, dass ich bald selbst zum Messer gegriffen hätte, man sich bald selbst ins Fleisch schneiden möchte und gleichzeitig war ich unendlich genervt. Von allen. Sowohl von Jude, als auch allen anderen Beteiligten mit ihren überzogenen altruistischen Verhaltensweisen.

Ziel erreicht

Sowohl im Buch, als auch bei mir ausserhalb. Vielleicht nicht so wie gedacht – oder vielleicht doch genau so?

 

 

Ich bin bewusst nicht mehr auf die Geschichte an sich eingegangen. Zum einen, weil dieses Buch derzeit in so ziemlich aller Munde ist und zum anderen, weil ich selbst nicht zuviel vorweg verraten wollte. Aber bei Hanser Literaturverlage könnt Ihr noch mehr erfahren.

 

Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara (übersetzt von Stephan Kleiner
erschienen 2017 Hanser Literaturverlage, 960 Seiten, ISBN: 978-3-446-25471-8

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