[Buch] Der Cop

 

[Buch] Der Cop von Ryan David Jahn

Titel und Cover verraten schon, dass es sich bei Der Cop um einen Thriller handelt. Genauso ist die eigentliche Storyline denkbar einfach: Gut jagt Böse. Dieser Thriller beinhaltet dabei allerdings so viele gute und rasante Wendungen, dass er bis zur letzten Seite spannend bleibt.

Ian Hunds Tochter Maggie wurde aus ihrem Kinderzimmer entführt. Sieben Jahre ist das her und da seitdem jede Spur fehlte, wurde sie vor vier Monaten für tot erklärt und der Sarg ohne Leichnam beigesetzt. Doch dann klingelt Ians Telefon auf der Wache und am Ende der Leitung bittet seine Tochter Maggie um Hilfe. Kurz nachdem sie vage Angaben zu ihrem Entführer machen konnte, bricht die Verbindung ab. Ian, der die ganze Zeit nicht an Maggies Tod geglaubt hatte, nimmt die Verfolgung auf.

So weit, so durchschaubar. Die ersten 50 Seiten gehen noch in einem gemäßigten Tempo voran. Doch dann nimmt die Geschwindigkeit der Story zu und ehe sich der Leser versieht, befindet er sich mittendrin in einer sowas von schnellen Abfolge von Ereignissen, dass es nahezu unmöglich wird, von dem Buch abzulassen. Dabei baut R. D. Jahn tatsächlich sehr gute, teilweise überraschende Wendungen ein, so dass die Jagd spannend bleibt und er das Ende nicht direkt verrät. Der Autor hält den Spannungsbogen geschickt und lange hoch. Er fesselt den Leser, ohne ihn zu verwirren. Sehr gelungen!

Der Thriller ist aus gutem Grund im Hayne | Hardcore erschienen, denn die beschriebenen Szenen der Schusswechsel und das anschließende Aussehen der Körper lassen Bilder im Kopf entstehen, die was für Fans der etwas blutigeren und detaillierteren Darstellung von Körperfragmenten sind.

Einziger Kritikpunkt könnte sein, dass sich auf den ersten Seiten ein paar Sätze wiederholen. Doch dieses erklärt sich später durch die Anmerkung des Autors, dass der Thriller um ca. 50 Seiten gekürzt wurde und ich denke, dadurch kam es zu dem etwas „holprigen“ Start. Dieses wird aber durch den weiteren, sehr rasanten Verlauf mehr als wieder gut gemacht.

»Spannend bis zu letzten Patrone«, verspricht der Stern mit einem Satz auf dem Cover. »Stimmt!«, sage ich.

Der Autor R. D. Jahn verließ bereits mit 16 Jahren die Schule und arbeitete in einem Plattenladen. Seit 2004 arbeitet er als Drehbuchautor. Sein Debütroman „Akt der Gewalt“ wurde mit dem Debüt Dagger Award ausgezeichnet.

Der Cop von Ryan David Jahn (übersetzt von Ulrich Thiele) erschien 2014 beim Heyne-Hardcore-Verlag, 336 Seiten, ISBN: 978-3-453-43640-4

[Sach-Buch] Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft

 

[Sach-Buch] Denken - Wie das Gehirn Bewusstsein schafft

Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete versuchen schon seit Jahren, hinter das „Geheimnis“ von Gehirn und Bewusstsein zu kommen. Aufgrund der verschiedenartigen Strömungen, liegt bis heute keine einheitliche Definition zum Bewusstsein vor.

Stanislas Dehaene ist Neurowissenschaftler. Sein Schwerpunk liegt in der numerischen Kognition und in der „Theorie der neuronalen Korrelate des Bewusstseins“. Er gilt als weltweit führend und zählt zu den einflussreichsten Forschern in der Kognitionswissenschaft. Mit seinem hier vorliegenden Buch gibt Dehaene einen Überblick zum aktuellen Stand der Bewusstseinsforschung.

In sieben Kapiteln zeichnet der Autor detailliert die Strategie nach, „[…]die ein philosophisches Mysterium in ein Laborphänomen verwandelt hat.“. (S. 17)

In seinem Buch Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft führt Dehaene den Leser an die unterschiedlichen Stadien des Bewusstseins heran. Noch immer ist dieses Gebiet zu groß und zu unerforscht, als dass es ein allumfassenden Werk geben könnte. Obwohl Dehaene zwischendurch Teile aus der Philosophie und der Psychologie benennt, vernachlässigt er diese weitestgehend. Gemäß seines Fachbereiches, konzentriert sich Dehaene in seiner Arbeit hauptsächlich auf die Mess- und somit Nachweisbarkeit (z.B. durch bildgebende Verfahren), um so einen relativ deutlich erkennbaren Teilaspekt des Bewusstseins darzustellen.

Dabei bezieht sich Dehaene auf die Theorie des globalen Arbeitsraums (Baars, B. (1986): A cognitive theorie of consciousness, NY: Guilford Press), in der davon ausgegangen wird, dass weite Teile in der Informationsverarbeitung vor- und unterbewusst ablaufen, ehe sie im „globalen Arbeitsraum“ bewusst werden und somit weiteren kognitiven Prozessen zur Verfügung stehen.

Darauf aufbauend, entwickelt Dehaene eine neue empirische Theorie über die Wahrnehmung und das Denken. Er zeigt anhand von Studien und Versuchsergebnissen, welche messbaren Spuren / Signaturen im Gehirn vorhanden sind um deutlich zu machen, auf welche Art und Weise Bewusstsein im Gehirn überhaupt entsteht und wie es durchaus auch manipuliert werden kann. Des Weiteren beschäftigt er sich damit, wie dieses gewonnene Wissen im Kontext Koma-Patienten eingesetzt werden kann oder welches Bewusstsein Säuglinge haben.

Sicherlich streitbar sind seine kleinen Ausführungen und Erklärungsversuche zum Erkrankungsbild der Schizophrenie am Ende des Buches und der Ausblick auf die künstliche Intelligenz. Aus seiner Sicht absolut nachvollziehbar, stellt sich dennoch die Frage, ob alles alleine durch diese Theorie erklärbar ist?

Dieses Buch kann nicht das gesamte Feld beleuchten und kann auch keine allumfassende Erklärung / Antwort zur Frage „Was ist Bewusstsein?“ geben, dafür ist der Bereich zu groß und es bedarf weiterer Forschung. Aber es bietet in seinem Teilbereich einen Überblick, wichtige Informationen und Erkenntnisse. Es ist durchaus ein wirklich sehr guter Beitrag zur weiteren (Bewusstseins-)Diskussion.

Wie bei derlei Publikationen üblich, wird hier ein wenig Vorwissen vorausgesetzt und ist sicherlich auch sinnvoll. Dennoch wird dem interessierten und wirklich geneigten Leser (auch als Laie) der Zugang zu diesem spannenden Feld nicht verwehrt bleiben, zumal es sehr flüssig geschrieben ist. Selbstverständlich finden sich am Ende umfangreiche Ausführungen zu den Anmerkungen, Nachweise zur Literatur und den Abbildungen, sowie ein entsprechendes Register.

Denken – Wie das Gehirn Bewusstsein schafft“ von Stanislas Dehaene (übersetzt aus dem Englischen von Helmut Reuter), erschienen 2014 im Knaus Verlag, 480 Seiten, inkl. s/w – Abbildungen, ISBN: 978-3-8135-0420-0

Bücher und Menschen


Bücher und Menschen...

… man muss sie zur rechten Zeit treffen!

Während eines Cuxhavenaufenthaltes im Frühjahr, lernte ich zwei wundervolle Menschen kennen. Wir sahen und verstanden uns und ich würde sagen, daraus hat sich sofort eine Verbundenheit auf einer ganz besonderen Ebene entwickelt.

Irgendwann während des Kennenlernens, erwähnte ich P. gegenüber, dass ich mal eine Tour mit meinem Hund geplant hatte (Von Dortmund nach Cuxhaven – zu Fuss). Und „schwupp“, hatte ich von ihm ein Buch in die Hand gedrückt bekommen:

Deutschland umsonst – Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“ von Michael Holzach.

Das Buch ist völlig vergilbt, die Seiten schon angelaufen, das Cover zerschlissen und geknickt. Das Exemplar, welches ich in der Hand halte, ist bereits 30 Jahre alt. Der Inhalt selbst noch älter – 1982 ist es erstmals erschienen. Damals ist es wohl schnell zum Kultbuch avanciert. Mir selbst ist der Status des Buches egal – ich liebe es! Es kam genau richtig und mir ist es auch egal, dass hier noch so drei oder vier Bücher darauf warten, erwähnt zu werden, da ich sie schon längst ausgelesen habe. Dieses Buch hat genau hier und jetzt seinen Platz und seine Zeit gefunden und verdient!

Während sich draußen in der Welt die Menschen aufregen, ich selbst einem Nervenzusammenbruch bei meinen ganzen Arztterminen (bei und mit denen es ja nie so läuft wie es sollte) immer näher komme, bin ich gestern mit diesem Buch einfach mal abgetaucht und habe allem und allen mal gepflegt meinen Mittelfinger gezeigt.

Michael Holzach ging zu Fuß und ohne Geld einmal durch Deutschland. Am ersten Tag holte er seinen künftigen vierbeinigen Wegbegleiter Feldmann aus dem Tierheim ab und startete in Hamburg. Und Dank seines Reiseberichtes konnte ich ihn begleiten. Mit seinem Buch gab er mir genau das, was ich in dem Moment brauchte. Und er tat genau das, was ich mich wohl nie trauen werde: er ist einfach losgegangen, ohne irgendwas im Vorfeld zu planen. Mit einfachen Sätzen schildert Holzach seine Tour. Er erzählt von seinen Begegnungen, wie er in Scheunen übernachtete, wie er aus Versehen zum Doppelagenten bei einer Nato-Übung wurde, wie er sich was zum Essen organisierte, aber auch von seiner Scham, die es ab und an zu überwinden galt. Von der ablehnenden Haltung im Wohlstandsland, argwöhnischen Menschen – kurzum: er ist zum Tippelbruder geworden. Sechs Monate auf den Landstraßen und quer durch die Städte war er unterwegs.

Unter anderem führte ihn sein Weg durch Dortmund. Holzach ist an der Emscher (einem Fluss) entlang gelaufen. Diese führte ihn nach Aplerbeck. Genauer zur psychiatrischen Klinik, die im gesamten Ruhrgebiet bekannt ist. Noch heute sagt man hier einfach „Aplerbeck“, als Synonym dafür, wenn man meint, der andere wäre „nicht ganz dicht im Oberstübchen“. Das wird sich wohl auch nicht ändern, hier im Pott.

Da mich gestern dieses Buch überall hin begleitete, saß ich nun also bei meinem Zahnarzt erneut im Wartezimmer und schlug es auf. Auf Seite 117 war ich „stehen geblieben“. Die ersten beiden Worte, die ich las waren „Dortmund – Huckarde“. Oh ha, das war schon fast unheimlich, wobei es genau genommen aber eigentlich mein Gefühl für dieses Buch bestätigte. Der Ort, an dem ich mich gerade befand, exakt in dem Moment, als ich die ersten beiden Worte las war: „Dortmund – Huckarde“. Derlei Momente gab es einige für mich in diesem Buch – unglaublich!

Und während Holzach von seiner Emscher-Wanderung schreibt, schießt mir ein längst vergessener Name durch mein Kopf: Herr K.. Herrn K. hatte ich vor vielen Jahren hier im Park kennengelernt. Wir begegneten uns häufiger mit unseren Hunden und kamen ins Gespräch. Damals war ich nur noch genervt von dieser Deutschen Großstadt und fühlte mich hier gar nicht wohl. Genau genommen hatte ich sogar Fluchtgedanken, aber stattdessen dehnte ich meinen Frust einfach auf die gesamte Menschheit aus. Eines lieben Tages also, sprachen Herr K. und ich miteinander und völlig unreflektiert meinte ich zu ihm: „Ich mag die Menschen nicht.“, Herr K. erwiderte nur, dass das aber nicht sein könne und lud mich kurzerhand zum Frühstück ein. Schnell Brötchen besorgt und während ich noch Einwände stammelte, vonwegen, dass wir seine Frau doch nicht einfach mit mir als Gast überfallen können, und er nur meinte, dass sie schon immer ein recht offenes Haus gehabt hätten und sich seine Frau schon nicht wundern würde, fand ich mich an deren Tisch wieder. Fortan freute ich mich, wenn ich sie traf. Herr K. hatte sich auch viel mit der Emscher beschäftigt. Sogar mal ein Buch über diesen Nebenfluss herausgebracht. Und da ich mich zu erinnern meinte, dass er mir damals ein Exemplar davon gab, kam es, dass ich am Abend meine Bücherregale nach genau diesem Buch durchsuchte. Längst hatte ich es vergessen geglaubt. Aber wiedergefunden habe ich es leider nicht. Schade. Jetzt hätte ich es gelesen! Herr K. verstarb plötzlich und schnell an einem Herzinfarkt eines morgens, ich hatte seine Frau am nächsten Tag im Arm gehalten bei meinem hilflosen Versuch, sie zu trösten.

Gestern Abend googlete ich noch ein wenig nach weiteren Informationen. Unter anderem fand ich eine Rezension, die dieses Buch sehr politisch erläuterte. Der Gedanke daran, dass selbst dem Autoren manch eine politische Diskussion in diesem einen Moment herzlich egal war, in dem er Hunger litt oder einen Schlafplatz benötigte, beruhigte mich ein wenig. Denn offen gesagt: die Frage, ob und wieviel sich verändert hat in diesem sog. Wohlstandsland, würde ich jetzt gerade nicht diskutieren wollen. Ein anderer Leser schrieb, dass er dieses Buch zwar nett fand, es aber bestimmt nicht zum „Kultbuch“ erheben wollen würde. Ich sag mal so: 30 Jahre später habe ich dieses Buch in die Hand genommen und gelesen. Es hat einiges in mir losgelöst und ich hätte noch ewiglich weiter lesen wollen. Wenn man das so schreiben kann, dann fühle ich mich diesem Buch verbunden. Und an dieser Stelle will und muss ich nicht objektiv sein. Damals ist es an mir vorbei gezogen, jetzt ist es da (Danke an M. und P. aus E.) und ich bin froh, dass ich es gelesen habe! Darüber hinaus finde ich es schade, dass ich so ein verdammter Schisser bin, um nicht selbst in irgendeiner Form einfach mal zu MACHEN und loszuziehen, statt immer nur darüber nachzudenken.

Es war nicht das erste Mal, dass Holzach loszog. So hat er schon einmal ein Jahr lang bei den deutschen Hutterern in Kanada gelebt und darüber geschrieben: Das vergessene Volk – Ein Jahr bei den deutschen Hutterern in Kanada.

Es folgte u.a. das hier vorliegende Buch. Dieses wird ab September ´15 wieder zu erwerben sein beim Hoffmann und Campe Verlag.

Holzach wurde 1947 geboren, studierte Sozialwissenschaften, war Reporter bei der ZEIT und seit 1978 freier Schriftsteller. 1983 verunglücklichte er in Dortmund tödlich, bei dem Versuch, seinen Hund Feldmann aus dem Kanal zu retten. Feldmann überlebte.