[Buch] Baba Jaga


[Buch] Baba Jaga von Toby Barlow

Baba Jaga sind in der slawischen Mythologie Märchengestalten. In seinem gleichnamigen Roman erzählt der Autor Toby Barlow eine skurrile und rasante Geschichte.

Da ist Will, der augenscheinlich in einer Werbefirma arbeitet, diese aber eigentlich als Briefkastenfirma der CIA fungiert. Will ist sehr großzügig bei der Herausgabe wichtiger Informationen, so dass er mehr und mehr in den Strudel der Spionage und in die eine oder andere prekäre Situation gerät.
Dann sind da noch die beiden russischen Hexen: die wunderschöne Zoja, die die Männer betört und sich damit seit Jahrhunderten ihren Lebensunterhalt sichert. Wird Zoja ihrer überdrüssig, entledigt sie sich kurzerhand der Männer und bringt sie wenig Aufsehen erregend um. Doch dieses Mal ist irgendwas schief gelaufen und ihr letzter jahrelanger Begleiter hängt sehr auffällig mit dem Kopf aufgespießt am Zaun. Sie flüchtet sich zunächst zur alten Elga, der verbitterten alten Hexe, die daraufhin ihrerseits genug von Zoja hat und sie ebenso beseitigen will.
Der Polizist Vidot kommt bei den Ermittlungen zum Fall „Mann am Zaun hängend“ den Hexen bedrohlich nahe, so dass Elga ihn in einen Floh verwandelt.
Hinzu kommen noch die Agenten der CIA, die sich in einschlägigen Etablissements die Klinke in die Hand geben und es wird mehr als rasant in der Geschwindigkeit der Ereignisse.
Dabei muss das Paris Ende der 50´er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Dorf gewesen sein, denn irgendwie begegnen sich alle stets und ständig und ihre Wege streifen sich auf die eine oder andere, manchmal recht spektakuläre Art und Weise… Und während Zoja und Will ihre Liebe füreinander entdecken und Vidot versucht sein Leben als Floh auf die Reihe zu bekommen, experimentiert ein anderer mit bahnbrechenden bewusstseinserweiternden Drogen, in denen sich neue Welten auftun.

Wenn man einige Gegebenheiten einfach mal so hinnimmt und sich nicht wundert oder hinterfragt, dann wird man als Leser dieser rasanten Story seinen Spaß haben.

Ehrlich gesagt war ich hin und her gerissen beim Lesen dieses Buches. Auf der einen Seite hatte ich meinen Spaß und fand die eine oder andere Stelle urkomisch und super geschrieben. Dann wiederum habe ich mich gewundert und ein wenig den Kopf geschüttelt. Es sind eine ganze Menge Personen und Gegebenheiten, die der Autor da zusammen fliessen lässt. Da kam es mir beim Wie manchmal ein wenig flach vor. Das sind so Momente, wo mir ein „Ja nee, is´ klar!“ durch den Kopf rauscht und meine Augenbraue nach oben geht. Vielleicht war es ein bisschen zu gut gemeint? Ein Zuviel an Komponenten, die es in der Story zu vereinen gilt? Nahezu genervt war ich sogar auch: von den Hexenliedern, die immer mal wieder in dem Buch auftauchen. In diesen Lieder verbergen sich noch zusätzliche Informationen zu den Hexen. Aber da sie nicht wirklich zum Verstehen gelesen werden mussten und sie für mich wirklich Drüber wirkten, bin ich sogar dazu übergegangen, sie zu überblättern. Eine für mich neue Erfahrung.

Aber selbst, wenn ich manchmal so durch die Handlung des Buches gestolpert bin und irgendwann tatsächlich dahin kam, es „einfach geschehen zu lassen und dran zu bleiben“, waren es genau diese Absätze, die mich lachen ließen:

War man schließlich schon einmal von einer rasenden russischen Sexbombe zu einer liebestollen lesbischen Doppelagentin durch die Straßen von Paris gehetzt, konnten Gartengrillpartys leicht ihren Reiz verlieren.

 

S. 291

Baba Jaga ist der zweite Roman des Autors Toby Barlow. Sein Debütroman Sharp Teeth brachte ihm mehrere Auszeichnungen ein. Barlow lebt Detroit und New York und arbeitet als Creative Director in einer Werbeagentur.

Baba Jaga von Toby Barlow (übersetzt von Giovanni und Ritte Bandini), erschienen 2014 beim Hoffmann und Campe Verlag | Atlantik Bücher, ISBN: 978-3-455-60000-1

[Buch] Tabu

 

[Buch] Tabu von Ferdinand von Schirach

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ fragte schon Paul Watzlawick. Nach Watzlawick ist Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation. Von Senden und Empfangen. Und den entsprechenden „Entschlüsselung-Codes“.

In der Lernpsychologie besagt die Kernthese des Konstruktivismus, dass Lernende im Lernprozess eine individuelle Repräsentation der Welt schaffen.

Unschwer zu erkennen: es gibt nicht diese eine Wirklichkeit, kann sie gar nicht geben. Vielmehr gibt es zahllose Wirklichkeitsauffassungen, Annäherungen.

Und wenn alle das gleiche glauben, ist es doch noch lange nicht die Wahrheit … oder?

Was ist dann wirklich wahr?

Wirklichkeit und Wahrheit sind für Schirachs Protagonisten zwei große Themen. Und somit sind wir bei seinem Roman Tabu:

 

Sebastian von Eschburg ist Synästhetiker und ein namenhafter Künstler. Mit seinen Fotografien und Videoinstallationen zeigt er, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. Er wächst in einem distanzierten Elternhaus auf und während seiner ersten Ferien vom Internat wird er Zeuge, wie sein Vater Suizid begeht. Eschburg wird im späteren Verlauf festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, eine junge Frau getötet zu haben.

Die Staatsanwältin Monika Lindau nimmt die Ermittlungen auf. Alles an diesem Fall erscheint merkwürdig. Zudem wird Landau zur Zeugin, wie der vernehmende Polizist unter Androhung von Folter dem Verdächtigen ein Geständnis entlockt. Sie macht einen entsprechenden Aktenvermerk.

Der Strafverteidiger Konrad Biegler übernimmt u.a. aufgrund Landaus Aktenvermerk die Verteidigung von Eschburg. Biegler begibt sich in Eschburgs Welt. Puzzleteile fügen sich zusammen… Es dauert lange, ehe alle Zuschauer den Gerichtssaal verlassen haben.

 

Getreu der dem Buch vorangestellten Farbenlehre nach Helmholtz, die besagt, dass Grün, Rot und Blau uns als Weiß erscheint, sobald sich das Licht der Farbe in gleicher Weise mischt, ist dieser Roman in eben diese Farben eingeteilt. Im letzten Teil, dem „Weiß“, raucht Eschburg eine Zigarette.

Dieses Buch ist wie eine Wand. Na ja, eigentlich ist es vielmehr so, als würde man dieses Buch vor einer Wand lesen. Man kann nicht drüber hinweg sehen, auch nicht links oder rechts daran vorbei. Hinter den Buchstaben befinden sich nur die Steine und der Mörtel. Mehr braucht es auch nicht.

Dieser Roman ist… anders. Und genau das ist es, was ihn so streitbar macht: mit wenigen, klaren und nüchternen Sätzen stellt der Autor eine große, weitreichende Inszenierung dar. Die einen loben Schirach in den Himmel, die anderen sagen, er könne gar nicht schreiben. Der Autor benutzt kein Wort zuviel, jede weitere Information würde sich als überflüssig erweisen. Das macht diesen Roman aus. Tabu beinhaltet nur die nötigsten Sätze.

Für mich einer der großartigsten Absätze:

Vor der Terrasse mähte ein Bauer die Wiese. Der Traktor war schön, aber sein Auspuff war defekt. Biegler glaubte, dass auch der Bauer defekt war – er mähte jeden Tag dasselbe Stück Wiese. Er probierte die Sache mit dem positiven Denken und grüßte den Bauern höflich. Der Bauer starrte ihn an. Biegler nickte zufrieden.

 

S. 152

Ich weiß nicht, ob man diesen Absatz nicht sogar schon als „mit großzügig vielen Worten ausgeschmückt“ bezeichnen könnte? Egal wie: ich mochte dieses Buch gerne lesen und empfand die „Andersartigkeit“ durchaus mal erleichternd. Wobei ich auch sagen muss, dass es mir zuviel wäre, direkt im Anschluss ein weiteres Buch zu lesen, welches in diesem minimalistischen Stil geschrieben ist.

Ferdinand von Schirach machte schon mehrfach von sich Reden. Er ist ein auf Strafrecht spezialisierter Rechtsanwalt und begann „erst“ im Alter von 45 Jahren, Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Seine Romane Der Fall Collini und Tabu wurden zu internationalen Bestsellern und Schirach wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. 1964 in München geboren, lebt er heute in Berlin.

Tabu von Ferdinand von Schirach, als Taschenbuch erschienen im März 2015 beim Piper Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-492-30520-4

[Buch] Lügen über meinen Vater

 

[Buch] Lügen über meinen Vater

Groß. Beeindruckend. Gewaltig.

John Burnside hat es wieder geschafft mich zu packen und wegzuschleppen. Diesmal auf einer ganz anderen Ebene…

Seine Romanbiografie Lügen über meinen Vater ist schwer zu beschreiben. Ich habe das Buch schon eine Weile durchgelesen und suche immernoch nach den richtigen, treffenden Worten. Es ist auf einer manchmal sehr harten, manchmal auf einer sehr subtilen Ebene stark, berührend, verstörend. Und doch auch Frieden schließend, so dass ich es nach dem Auslesen ohne Groll zur Seite legte. Aber es hat etwas (in und mit mir) angerichtet, denn es liegt weiterhin auf dem Tisch und ich schleiche drumherum, mir die Worte herausringend.

Eingangs schreibt der Autor:

Dieses Buch liest man am besten als ein Werk der Fiktion. Wäre mein Vater hier, um mit mir darüber zu reden, gäbe er mir bestimmt recht, wenn ich sagte, es sei ebenso wahr zu behaupten, dass ich nie einen Vater, wie dass er nie einen Sohn hatte.

 

Burnside beschreibt die Beziehung oder auch Nicht-Beziehung zu seinem Vater. Dieser ist ein Säufer, Grossmaul und seinen Kindern gegenüber ein alltäglicher Sadist. Er war ein Findelkind, wurde als Säugling einfach auf einer Türschwelle abgelegt. Zeitlebens erfand der Vater (Lügen-) Geschichten über seine Herkunft. Er will Anerkennung und als ein bedeutungsvoller Mensch wahrgenommen werden. Bei seinen Säuferkollegen in den diversen Pubs hat er es geschafft. In dem Haus der Familie zeigt er sich weiterhin als Tyrann, der mit seiner Verachtung alles zerstört.

Als Sohn versucht John seinen eigenen Weg zu finden. Er experimentiert mit Drogen, verliert sich in und mit ihnen, bis zum Exzess. Er landet gleich zwei Mal in der Psychiatrie.

Schließlich, fast unmerklich und ohne großes Getöse, kam mir der Gedanke, dass ich endlich unsichtbar geworden war.

 

Burnside, S. 337

Bis John es letztlich leid ist – sich selbst leid ist – sich aus der Psychiatrie entlässt und weiterzieht.

Selbst nach dem Tod seines Vaters kann er sich nicht wirklich von ihm befreien. Erkannte John ihn schon in seinen eigenen Exzessen wieder, wandert er auch darüber hinaus weiterhin in seinen Gedanken umher. Doch nicht zuletzt eröffnet ihm die Welt der Literatur eine neue Perspektive.

John Burnside hat hier ein abgrundtief ehrliches Erinnerungsbuch vorgelegt. Er versteht sein Handwerk und jeder Satz kommt mit einer authentischen Wucht daher, wie ihn nur einer schreiben kann, der viel durchgemacht, reflektiert und erkannt hat.

Jahrelang hat der Autor seinen Hass auf den Vater unter der Oberfläche versteckt, bis er sich mit diesem gewaltigen Werk „aufgeräumt“ zu haben scheint.

Dabei schreibt Burnside sehr unaufgeregt. Umso heftiger schlagen jedoch einige Sätze auf den Leser ein. Die ständigen Machtdemonstrationen und das Gefühl des Ausgeliefertseins sind deutlich spürbar. Er beschreibt seinen eigenen exzessiven Weg in den Abgrund mit kristallklaren und nachvollziehbaren Worten. Nicht sentimental, sondern geistreich. Einmal ins „Fegefeuerstadium“ und zurück.

John Burnside wurde 1955 in Schottland geboren. Für seine Bücher erhielt er ebenso viel Lob wie Kritik. Die hier zulande bekanntesten Romane Burnsides dürften „Glister“ und „In hellen Sommernächten“ sein. Schon sein Debütroman „Haus der Stummen“ begeisterte und beeindruckte mich. Genauso wie dieses Werk.

Die Originalausgabe erschien bereits 2006 unter dem Titel „A Lie About my Father“. 2011 erhielt er hierfür den Internationalen Literaturpreis Corine.

Lügen über meinen Vater von John Burnside (übersetzt von Bernhard Robben), als Taschenbuchausgabe im Dezember 2012 beim btb Verlag erschienen, 382 Seiten, ISBN: 978-3-442-74480-0

 

In eigener Sache: Auf Seite 184 schreibt Burnside über die Bilderreihe Scenes from the Passion des Künstlers Georg Shaw, welche ihn an Corby (einer Stadt in England) erinnerte. Shaw malte in Humbrol-Emaille auf Pappe.

Besonders zwei Werke benennt Burnside: The Middle of the Week, 2002 und The New Star.

Ich habe es mir nicht nehmen lassen, hier mal genauer nachzuschauen und bin von einigen Bildern schwer begeistert und total angetan!

Wer Lust hat, kann mal Georg Shaw, Scenes from The Passion: The Middle of The Week (2002) bei Google eingeben und auf die Bilder klicken.

Ich hänge mich jetzt mal aus dem Fenster und zeige Euch eines, was ich unglaublich genial finde und welches Burnside benannte:

[Buch] Lügen über meinen Vater

Georg Shaw. Scenes from the Passion: The Middle of the Week, 2001: Humbrol enamel on board. 77 x 101 cm [*1]

Ist das nicht einfach nur genial?! Ich kann mich nicht sattsehen…!

Weiterführende Links: scenesfromthepassion, Wilkinson Gallery

[*1] Das Bild fand ich unter anderem auf der Seite: scenesfromthepassion – Georg Shaw’s Tile Hill | An Unofficial Guide. Sollte das Einstellen des Bildes ein Problem darstellen, so bitte ich um eine kurze Nachricht und ich werde es umgehend wieder rausnehmen.