„Ich ziehe mal eben um….“

Mal eben kurz umziehen

So war der Plan. Wie soll ich´s schreiben: der Domainumzug hat geklappt. Aber das ist leider auch schon alles.

Meinen letzten Blog habe ich über viele Jahre geführt. Mal mehr, mal weniger regelmässig. Ich habe viele Geschichten erzählt und tolle Kontakte geknüpft.

Angefangen mit dem „Urlaubstagebuch für Daheimgebliebene“, über meine Hunde, die etwas anderen „schönen Ecken“ in einer Großstadt, über Videos und Privates, Skurriles und Alltägliches. Geschichtliches zum Krankenhausgelände samt Gebäude, bishin zu Buchrezensionen und Verlagskontakten war der Umzug das Ende dieses Blogs.

All das liegt mir zwar noch als eine Datei vor, diese lässt sich aber nicht importieren. Egal, was und wie ich es ausprobiert habe.

Nachdem die erste Wut verflogen war, hab ich mir die Frage gestellt, was jetzt überhaupt ansteht? Ist es vielleicht Zeit, alles nochmal zu überdenken, neu zu machen? Gleichzeitig vermisse ich einiges. Ich denke, ich werde nach und nach einige Beiträge hier manuell wieder einstellen. Aber das braucht viel Zeit und Musse und wird auch nicht vollständig erfolgen können.

Wir werden sehen?!

 

TiRoCux

 

[Buch] Das achte Leben (für Brilka)

 

[Buch] Das achte Leben (für Brilka)

Es gibt diese und jene Bücher – und dann gibt es solche wie „Das achte Leben (für Brilka)“ von Nino Haratischwili, bei dem ich fast geneigt bin, eine Liebeserklärung zu schreiben.

Ich hatte mich zunächst anstecken lassen von der Euphorie anderer Leser, von deren Warten und der Vorfreude auf dieses Buch. Von den ersten Stimmen auf den diversen Bücherblogs, welche ich so gerne durchstöbere. Als ich dann selbst begann es zu lesen, wurde ich nicht enttäuscht, vielmehr hatte ich mich ebenso schnell und direkt in dieses Buch verliebt.

Bisher war es mir eigentlich nie so wirklich wichtig, wie ein Buch aussieht, wenn denn der Inhalt stimmt. So langsam wandelt es sich aber und ich merke schon, was ein ansprechendes Cover und ein ebensolcher Titel ausmachen. Hier ist alles stimmig: der Umschlag ist aufwendig und liebevoll gestaltet und es geht gar nicht anders, als selbst das Auspacken des Buches zu zelebrieren.

Es ist ein Mammutwerk und dieses nicht nur aufgrund der rund 1280 geschriebenen Seiten.

Dieses Buch erstreckt sich über das komplettes Jahrhundert, von 1900 bis 2007 und erzählt die Geschichte der georgischen Familie „Jaschi“. Beginnend mit der Geburt von Stasia, der Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, schreibt ihre Urenkelin Niza die gesamte Familienchronik – über sechs Generationen – für ihre Nichte Brilka nieder.

Der Leser trifft auf starke Frauen mit nochmehr Persönlichkeit, kleine und große Männer, Macht, viel Leid, auf Fanatiker und gebrochene Menschen, auf Höhen und Tiefen, auf Liebe, Hoffnung und Aufgabe – und auf die Geschichte Georgiens. Alles ist miteinander und ineinander verwoben und es ist tatsächlich so: alle Fäden zusammen ergeben einen Teppich. Ein Bild, welches die Autorin Nino Haratischwili direkt am Anfang beschreibt und sich entwickeln lässt.

Sie selbst ist 1983 in Georgien geboren und hat unglaublich gut die politische Geschichte recherchiert. Wer sich einmal an eine solche Recherche gesetzt hat, weiß, wie umfangreich und kräftezehrend sie sein kann. Und auch hier haben wir es mit einem kompletten Jahrhundert zu tun! Mit den immerwährenden Kriegen des Ostens: die Kämpfe und Revolutionen Georgiens, Russlands und der Sowjetunion.

Ich selbst bin – ehrlich zugegeben – eine absolute „Null“ in der „Geschichte des Ostens“. Sicherlich habe ich auch schon vor dem TV-Apparat gesessen und den Kopf geschüttelt über das, was in den Nachrichten zu sehen war. Dennoch: wirklich eingestiegen bin ich in dieses Thema nicht. Zu mächtig, umfangreich und verworren schien es mir. Aber Haratischwili hat es geschafft, sowohl die geschichtlichen als auch die fiktiven Aspekte so miteinander zu verknüpfen (wieder sind wir bei dem Teppich?!), dass ich mich mehr damit beschäftigt, nachgelesen habe und sicherlich auch „dran bleibe“.

Irgendwo hatte jemand Haratischwili einen etwas pathetischen Schreibstil angelastet. Die eine oder andere Seite ist wirklich so geschrieben, aber in dem Moment, in dem die Grenzen anfangen zu verschwimmen, wo man einerseits der beobachtende Leser der Geschichte ist, sich andererseits aber in die eine oder andere Person so sehr einfühlt, dass man „mitschwingt“, sie versteht, hebt es sich auf und ich selbst kann das leicht Pathetische nachvollziehen. Zumal die Autorin das richtige Maß getroffen hat, wusste, wann sie wieder „umschwenken“ musste.

Heute Nachmittag las ich eine Rezension, in der angesprochen wurde, dass Haratischwili doch mehr hätte auf das Empfinden, den Tatsachen und der Situation des Einzelnen in dem Moment des Kriegsgeschehens hätte eingehen sollen, statt ein oberflächlich anmutendes Abwenden zu beschreiben. Nein, sehe ich nicht so! Auch hier hat sie das richtige Maß gefunden. Zum einen reden wir hier immernoch von einem Roman und nicht von einem Geschichtsbuch im eigentlichen Sinne und zum anderen kann ich es so sehr nachvollziehen, wenn man das Geschehen um sich herum einfach nicht mehr aufnehmen und verarbeiten kann. Weil es zuviel ist, weil man müde ist und vielleicht, weil man sich manchmal hilflos fühlt. So wie ich mir das Recht herausnehme, manchmal eben nicht die Nachrichten zu schauen, weil ich es nicht mehr aushalten kann und will, die Katastrophen anzuhören und mich damit auseinderzusetzen. Da bin ich selbst „voll“ und ich lebe nicht in einem Krisengebiet. So kann ich es verstehen, dass sie sich manchmal vom Kriegsgeschehen abwenden und einfach nur froh sind, den Tag überlebt zu haben. Es geht hier um die Stimmung, nicht der minutiösen Beschreibung durch die Autorin.

Ach herrje, jetzt fange ich schon an, das Buch zu verteidigen! Dabei hat es doch auch soviel Lob bekommen, dass es das gar nicht nötig hat.

Aber es ist einfach so: viel zu schnell hatte ich es durchgelesen (hatte eigentlich damit gerechnet, dass wir noch Weihnachten zusammen verbringen würden?!) und ich werde sie vermissen:

Stasia, die fast das gesamte Jahrhundert überlebt hat; die schöne Christine, die sich mit einem mächtigen Mann einließ und somit ihr halbes Gesicht durch Säure verlor; Kitty, die nach London flüchten konnte und eine große Sängerin wurde; Fred, mit der sie das Bett teilte und welche es bis nach Wien geschafft hatte; Andro, der blond gelockte; Kostja, der alles zu geben meinte; Miqa, Elena, Niza, Antonio…, sie alle, die die Geschichte in diesem Buch gelebt haben. Nicht zu vergessen den Duft der heißen Schokolade, der sich durch das Buch zieht und welche nach einem streng geheimen Rezept hergestellt wird.

Nino Haratischwili

„Das achte Leben (für Brilka)“

2014 erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH

ISBN 978-3-627-00208-4